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 Hier spricht der „Godfather of Chinese Snowboarding“
China | 30.03.2017

Wachsender Markt in Asien: Chinas Snowboard-Pate im Interview

Steve Zdarsky: „Snowboarden ist in China cooler als Skifahren“

Hier spricht der „Godfather of Chinese Snowboarding“. Steve Zdarsky, CEO von Mellowparks, dem Marktführer für Terrain Parks in China. (Quelle: @da_bai)
Steve Zdarsky, CEO von Mellowparks, dem Marktführer für Terrain Parks in China.
Bild: @da_bai
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Erste Snowboardschule, erster Terrain-Park, erstes Snowboard-Event. Der Österreicher Steve Zdarsky hat in China Snowboarding auf die Landkarte gesetzt. Im Interview mit ISPO.com erklärt der CEO von Mellow Parks, wie es um den Sport in China steht.

Das Unternehmen Mellow Parks hat sich von einem Drei-Mann-Betrieb zum Marktführer für Terrain Parks in China entwickelt und beschäftigt unter der Leitung von CEO Steve Zdarsky und Partner Marco Huang circa 30 Mitarbeiter.

Der Österreicher Zdarsky blickt auf fast 20 Jahre Erfahrung im Reich der Mitte zurück und hat in Chinas Snowboard-Szene den klingenden Spitznamen „Godfather of Chinese Snowboarding“ bekommen.

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ISPO.com sprach mit dem China-Urgestein während seines Heimaturlaubs in Graz über die Anfänge von Mellow Parks, warum sich viele westliche Unternehmen nach wie vor in China schwertun und warum Energy-Drink-Unternehmen essentiell für den Snowboard-Sport sind.

 

ISPO.com: Als wir uns das erste Mal in China getroffen haben, wurden Sie mit dem Titel vorgestellt: „Godfather of Chinese Snowboarding“. Wie bekommt man den Titel Pate des Snowboardings in China?
Steve Zdarsky: Oh Gott. Also vorneweg, den Namen habe nicht ich erfunden. So werde ich tatsächlich in China genannt. Am Anfang hielt ich es für einen ziemlichen Blödsinn, aber mittlerweile finde ich es cool. Letztlich unterscheiden wir uns da nicht von unseren Konkurrenten. Auch wir müssen uns gut vermarkten – und so gesehen, ist das sicher nicht der schlechteste Titel. Die ersten zehn Jahre waren wir allein auf dem Markt, aber in den letzten Fünf ging mit der Zusage für Olympia doch etwas weiter. 

Als Österreicher in China eine eigene Firma zu leiten, ist nicht alltäglich. Wie und wo hat Ihre Erfolgsgeschichte im Reich der Mitte begonnen?
Ich bin damals nicht nach China gekommen, um zu Snowboarden. Ich habe in Wien Sinologie und Wirtschaft studiert, das war vor 18 Jahren. Mit einem Stipendium bin ich dann nach China, und in den sechs Wochen Winterferien habe ich jedes Skigebiet angeschrieben, das ich finden konnte, um als Snowboardlehrer zu arbeiten.

Vor 18 Jahren dürften das nicht sehr viele Anfragen gewesen sein...
Sehr richtig. Von Yabuli habe ich eine Zusage bekommen und dort den Winter über gearbeitet. Dort habe ich einen Ski-Gebiet-Betreiber aus der Nähe von Peking kennengelernt, der mir anbot, ein weiteres Jahr meine Studiengebühren zu übernehmen, wenn ich im Winter für ihn arbeite. So hat alles angefangen. Ich war der Erste, der in China eine Snowboardschule aufgemacht hat, den ersten Park eröffnet hat und auch das erste Snowboard-Event veranstaltet hat. So kam ich irgendwann zu Mellow, das damals vom Österreicher Thomas Marsh gegründet wurde und seine Anfänge mit Parks unter anderem am Kitzsteinhorn hat. Anfangs habe ich noch nebenbei für Quicksilver und Nike Snowboarding gearbeitet und ehe du dich versiehst, sind 15 Jahre vorbei. Mittlerweile ist Thomas ausgestiegen, und ich leite das Unternehmen mit meinem Partner Marco Huang.

Die Crew von Steve Zdarsky (Dritter von rechts) und Mellow Parks.  (Quelle: @da_bai)
Die Crew von Steve Zdarsky (Dritter von rechts) und Mellow Parks.
Bild: @da_bai

Wie kam es zu dem Entschluss, sich nur noch auf Mellow Parks zu konzentrieren?
Der Entschluss kam nicht ganz freiwillig. Im November 2012 teilte uns Nike mit, dass sie sich komplett aus dem Snowboarding und damit auch als unser Sponsor zurückziehen, wodurch vier Jahre unserer Arbeit auf einen Schlag weg waren. Ab diesem Zeitpunkt haben wir beschlossen, dass wir nicht mehr nur für eine Brand arbeiten, sondern mit jedem und wir Snowboarden so repräsentieren, wie es uns taugt. Mittlerweile ist die Firma auf vier Terrain-Parks gewachsen.

Lesen Sie hier: Der Wintersport in China wird zum Trend – doch noch gibt es viele Ansätze zu Verbesserung

Mellow Parks beschränkt sich aber nicht mehr nur auf Terrain-Parks. Was gehört noch zu Ihren Geschäftsfeldern?
Neben den Parks und der Eventorganisation gehen wir jetzt mit unseren Snowboardfilmen ins zehnte Jahr. 2016 hatten wir 22 Event-Stops in ganz China, in Peking hatten wir über 1.000 Gäste bei der Premiere.

Welche Intention verfolgen Sie mit den Filmen?
Als ich damals mit dem Snowboarden angefangen habe, hatte ich zwei Video-Kassetten, die ich angesehen habe, bis sie kaputt waren. Anders kam man früher nicht an Informationen übers Snowboarden. Für China gab es das vor zehn Jahren noch nicht, also haben wir damit angefangen. Mit dem Internet und Youtube hat sich das komplett geändert, und darum wird der zehnte Film auch unser letzter sein. Außerdem haben die Kids mittlerweile eine Aufmerksamkeitsspanne von maximal fünf Minuten, da lohnt sich ein ganzer Film nicht mehr. Darum konzentrieren wir uns jetzt auch mehr auf kurze Webisodes, die überwiegend von unseren Park-Shapern und unseren Fahrern gedreht werden. Marco und ich beaufsichtigen das eigentlich nur noch.

Stichwort chinesische Jugend: Wie gut schneiden denn die chinesischen Snowboarder- und innen bei den Events ab?
Das muss man etwas differenziert betrachten. Es gibt die Kids, die aus den Gymnastik-Schulen herausgenommen wurden und jetzt als Snowboarder in der Nationalmannschaft fahren. Und es gibt die Kids, die Bock draufhaben und so gut wie möglich werden wollen. Gerade die Mädchen des Nationalteams sind bei den FIS-Events in der Halfpipe sehr erfolgreich, bei den Jungs sieht das leider komplett anders aus. In der Slope-Style Disziplin ist die Trennung nicht so stark, will heißen, die Athleten können für die Nationalmannschaft fahren, trotzdem eigenständig trainieren und werden trotzdem vom Verband unterstützt. Wenn ich mir anschaue, was die Kids heutzutage machen, das ist Wahnsinn. Vor zehn Jahren hast du mit einem schönen 5er noch ein Event gewonnen, jetzt wirst du Letzter. Einfach ein ganz anderes Level.

Welche Zielgruppe möchte Mellow Parks in China erreichen?
Für uns geht es ganz klar um Breitensport, Spaß am Snowboarden. Jeder soll mitmachen können. Hardcore-Wettbewerb gibt es bei uns nur einmal im Jahr, und zwar bei den Nanshan Open. Da werden dann auch die Top-Fahrer eingeladen.

So geht Wintersport vor den Toren Pekings – Erfahren Sie mehr.

 

Wie aufwendig ist die Organisation eines solchen Slope-Style-Events?
Wenn ein Event im Januar ansteht, fangen wir spätestens im September mit der Arbeit an. Gespräche mit Sponsoren und das Kursdesign finden teilweise sogar noch früher statt. Im September werden die Judges eingeladen, Fahrer ausgewählt und so weiter. Im November muss das ganze Event fertig geplant sein. Hinzu kommt, dass wir den Fahrern nicht nur zwei Tage Event bieten, sondern ein Rundum-Paket. Es soll sich lohnen, nach China zu kommen – und vor zehn Jahren war das der Schlüssel zum Erfolg. Chinesische Mauer, Platz des himmlischen Friedens, Party in Peking oder auch ein extra Trainingstag, das kam alles sehr gut an.

Sie planen mit Mellow Parks nicht nur die Anlagen, Sie halten Sie auch in Stand. Wie schwer war und ist es, geeignetes Shaper-Personal in China zu finden?
Am Anfang gab es nur Thomas Marsh, der zweimal im Jahr rüberkam, seine Ideen umgesetzt hat und Marco und ich haben als Shaper gearbeitet. Nach und nach haben dann ein paar Fahrer mitgeholfen, und mittlerweile haben wir ein Team mit fast 30 Leuten.

Was war in der Anfangszeit von Mellow Parks in China das größte Problem?
Geld, Geld, Geld. Das Ski-Gebiet will nicht zahlen, dass du einen Park baust. Die Sponsoren wollen zunächst nicht für das Branding zahlen. Es ist immer das Gleiche, wobei es sich in den letzten Jahren etwas gebessert hat, denn Snowboarding ist in Europa ja mehr oder weniger auf dem absteigenden Ast, und damit geht der Blick nach China.

Die RedBull Nanshan Open World Snowboard Tour ist fester Bestandteil in der chinesischen Snowboard-Szene.  (Quelle: @da_bai )
Die RedBull Nanshan Open World Snowboard Tour ist fester Bestandteil in der chinesischen Snowboard-Szene.
Bild: @da_bai

Wie haben Sie die Anfangsphase gemeistert?
Wir haben so gearbeitet, dass wir über die Runden kommen und fürs Snowboarden bezahlt wurden. Wenn du jung bist, ist dir das scheiß egal. Du willst einfach so viel fahren wie möglich. Mit Nike und Red Bull kamen dann irgendwann zwei Sponsoren, die richtig Geld in China investiert haben. Ein Beispiel: Das Snowboard-Logo Nikes war Orange und dann kamen sie auf die Idee, beim nächsten Event den ganzen Berg orange einzufärben.

Wie schwer ist die Sponsoren-Akquise momentan?
Leicht ist es immer noch nicht, gerade Sponsoren in der Snowboard-Industrie. Hier wird eher mit Distributoren gearbeitet – und die wollen Geld verdienen und nicht ausgeben. Darum müssen wir eher in Snowboard fremden Bereichen nach Sponsoren suchen. Machen wir uns nichts vor, Red Bull ist sicher nicht gesund, aber wenn es die Energydrinks nicht geben würde, dann würde die ganze Action-Sports-Szene nicht funktionieren. Von diesen Unternehmen kommen das Geld und das Engagement. Burton ist zum Beispiel nicht mal mehr auf der ISPO MUNICH dabei, weil sie sich das Geld sparen wollen. Wie soll so Geld aus dem Core-Business für Events ausgegeben werden.

Sie haben den schwierigen Stand des Snowboard-Sports in Europa bereits angesprochen. Täuscht es, oder ist Snowboarden in China deutlich populärer als Skifahren?
Lassen Sie es mich so formulieren. Wintersportler, die sich ihr Equipment selber kaufen, sind deutlich häufiger Snowboarder. Die Weekend-Warrior, die Wintersport am Wochenende mal ausprobieren wollen, entscheiden sich deutlich mehr für Skifahren. Snowboarden gilt in China aber doch als die coolere Sportart.

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Der Wintersport ist in China auch durch Olympia 2022 enorm auf dem Vormarsch. Würden Sie sagen, dass Events wie zum Beispiel die Ski Resort Tour im Anschluss an die ISPO BEIJING helfen, noch mehr westliche Firmen nach China zu bringen?
Ich habe jetzt sehr lange in China gelebt und werde in China mehr als Chinese denn als Österreicher wahrgenommen. Und was mir immer wieder auffällt und nach wie vor ein großes Problem ist: Westler fühlen sich Chinesen intellektuell sehr oft überlegen. Das Klischee „Chinesen kopieren nur“ herrscht weiter vor, aber natürlich orientieren sie sich am Westen – das Snowboard wird nicht noch einmal neu erfunden. Es herrscht wenig Verständnis für die Kultur und für die Sprache und oft werden dann die Entscheidungen von den falschen Leuten getroffen. Darum glaube ich absolut, dass Projekte wie die ISPO-Tour helfen diese Vorurteile abzubauen.

Florian Pertsch (Quelle: ISPO)
Ein Beitrag von Florian Pertsch, Autor
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