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 Stefan Glowacz auf Baffin Island: Extrem in Eis und Schnee
Outdoor | 10.11.2016

Eis-Expedition: Klettern in extremer Kälte

Stefan Glowacz über seinen Kletter-Trip nach Baffin Island: „Wie auf einem anderen Planeten“

Stefan Glowacz auf Baffin Island: Extrem in Eis und Schnee. Vorsicht Steinschlag: Kurz vor dem Gipfel wurde das Team von abbrechenden Felsen erwischt. (Quelle: Klaus Fengler)
Vorsicht Steinschlag: Kurz vor dem Gipfel wurde das Team von abbrechenden Felsen erwischt.
Bild: Klaus Fengler
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Extremkletterer Stefan Glowacz (51) war wieder auf Tour. Diesmal ging's einen Monat lang mit Robert Jasper und Fotograf Klaus Fengler zu einer Expedition der Moderne – nach Baffin Island, eine der menschenfeindlichsten Regionen der Erde zwischen Kanada und Grönland. Ein Gespräch über Lebensgefahr, Multifunktionsschlitten, schnelle Autos und den Flow beim Klettern.

ISPO.com: Herr Glowacz, 350 Kilometer über Eis, und das zu Beginn der Schneeschmelze – was genau bedeutet das?
Stefan Glowacz: Vom letzten Zivilisationspunkt aus eigener Kraft, ohne technische Hilfsmittel, an den Berg gelangen, dort eine schwierige Erstbegehung klettern und wieder aus eigener Kraft zurückkehren. Das alles mit Ausrüstung und Verpflegung für 30 Tage auf über 100 Kilo schweren Schlitten.

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Wie kam es zu der Idee, in dieser unwirtlichen Gegend zu klettern?
Die entstand ein Jahr zuvor in Patagonien. Wir wollten eine 1000 Meter hohe Wand bezwingen, doch als wir dort ankamen, ging der erste Felsbruch ab, und es sollte nicht der letzte bleiben. Wir waren gescheitert, entwickelten aber die Idee, wieder nach Baffin Island zu gehen, wo ich schon zwei Mal war und 1999 im minus drei Grad kalten Wasser fast gestorben wäre.

Diesmal wollten wir in einer Zeit gehen, in der es warm genug ist, um in diesen riesigen Wänden freiklettern zu können. Das ist aber auch die Übergangszeit, in der das Eis aufbricht. Somit brauchten wir einen speziellen Schlitten, der mit aufgesteckten Mountainbike-Felgen auch als Rikscha, im Notfall als Raft-Kanu und als Schlafplattform in der Wand fungieren kann. Die Salzburger Firma Mubea Carbo Tech, die sonst im Automobilrennsport tätig ist, hat uns diesen Multifunktionsschlitten gebaut – ein gut 70.000 Euro teures Projekt

Glowacz taufte seinen Schlitten Drecksau

Woher wussten Sie, wie lange das Eis trägt?
Das war ein ständiges Abwägen: zügig, aber gefährlich über Eis gehen oder sicherer, aber langsamer über Land? Positiv war dagegen, dass wir im Hochsommer stets Sonnenlicht hatten. Teilweise sind wir um Mitternacht aufgebrochen, weil da die Eisoberfläche am härtesten war. Wir hatten das Gefühl, als bewegten wir uns auf einem anderen Planeten.

Es war die erste Kletterexpedition, die auf diese Weise stattgefunden hat. Und als wir diese 1000-Meter-Wände dann vor uns sahen, hatte ich Tränen in den Augen, ein sehr emotionaler Moment. Die Tour war so etwas wie eine Liebeserklärung an diesen Ort, dass man sich ihm auf diese entbehrungsreiche Art genähert hat und sich nicht mal schnell einfliegen oder vom Ski-Doo absetzen lässt. 

Von 1000 Meter hohen Felswänden keine Spur: Stefan Glowacz und Co. im Lager auf Baffin Island. (Quelle: Klaus Fengler)
Von 1000 Meter hohen Felswänden keine Spur: Stefan Glowacz und Co. im Lager auf Baffin Island.
Bild: Klaus Fengler

Dort angekommen, ging's ja erst so richtig los...
Bei dieser Art von Abenteuer ist die Kletterei an der Wand nur ein Bestandteil, eine von vielen Disziplinen. Bitter war, dass wir in unserer Wand auf Begehungsspuren stießen – also nur eine Zweitbegehung? Wir sind dann neue Varianten geklettert, 150 Meter vor dem Gipfel noch in einen Steinschlag geraten, wonach ich mit beiden Händen kaum noch greifen konnte und Robert die Führungsarbeit übernehmen musste.


Dass dann irgendjemand anderes schon mal da oben stand, tat unserem Erfolg keinen Abbruch. Gedanklich ist man auf dem Gipfel aber schon wieder beim nächsten Schritt: dem Rückmarsch in die Zivilisation, durch das mittlerweile noch weiter aufgebrochene Eis. Die Einheimischen sagen, dass der Eisaufbruch total unkalkulierbar geworden ist, sich um einen Monat verschoben hat. Ohne die Technik unseres Schlittens, dem wir den schönen Spitznamen Drecksau gaben, wäre die Tour nicht möglich gewesen.

Als BMW-Testimonial kennen Sie sich ja mit innovativer Technik aus...
Ein guter Klettertag fängt für mich in der Garage an: Wenn ich mit einem Lächeln im Gesicht in den i8 steige. Extremkletterer haben einen Sinn für Ästhetik – und einen Hang dazu, schnell Auto zu fahren. Bei dem Auto hat sich für mich der Kreis geschlossen: Da kann ich absolut dahinter stehen. Natürlich sind wir Kletterer alle sehr umwelt- und naturbewusst, aber wir nehmen uns auch das Recht einer großen Mobilität heraus. 

Umweltbewusst unterwegs: Stefan Glowacz mit dem BMW i8 vor dem Walchenseekraftwerk. (Quelle: BMW)
Umweltbewusst unterwegs: Stefan Glowacz mit dem BMW i8 vor dem Walchenseekraftwerk.
Bild: BMW

Sie sind seit mehr als 20 Jahren an den entlegensten Ecken der Welt unterwegs. Wie hat sich das Expeditionswesen entwickelt?
Kommt drauf an, was man unter Expedition versteht. Abenteuer wie unseres auf Baffin Island gibt es wenige. Mich inspirieren kreative Kletterer. Leute, die nicht nur gut klettern, sondern zum Beispiel irgendwo hinsegeln und eine Erstbegehung machen. Die sich überlegen: Was ist die nächste Stufe?
In diese Liga gehört David Lama auch. Das sind Leute, die das Expeditionswesen in eine neue Dimension heben. Die Projekte und Unternehmungen sind so anspruchsvoll geworden, dass du nicht mehr davon ausgehen kannst, dass du dein Ziel in nur einer Expedition erreichst.

Oft ist das nur eine Annäherung. Man geht hin, schaut sich das an, kommt mit Erfahrungen zurück, überdenkst das Ganze nochmal, geht wieder hin, kommt ein Stück weiter, und irgendwann musst du die Entscheidung treffen: Mach ich's oder mach ich's nicht? Das ist dann der Bereich, wo es absolut lebensgefährlich wird. Da musst du dazu bereit sein zu sagen: Ist mir jetzt wurscht, ich riskier's!

Das Thema Lebensgefahr kennen Sie ja schon seit 30 Jahren, seit Ihren Free-Solo-Klettereien.
Mit David Lama habe ich auch darüber gesprochen. Er wollte in den Himalaya zu einem Achttausender und sagte zuerst zu mir: 'Geh' halt mit.' Dann aber: 'Nee, ist keine gute Idee. Du bist schon zu erfahren.' Ich fragte warum. Er meinte: 'Du denkst zu viel nach.' Da hat er Recht. Irgendwann darfst du nicht mehr nachdenken.

We are back in the civilization! After a 350 km hike over the frozen coast to #SamFordFjord and return #byfairmeans that...

Posted by Stefan Glowacz on Mittwoch, 29. Juni 2016

Orientierungslos nach einer Expedition

Sind das die neuen Kletter-Typen?
Bei den Sachen, die jetzt noch übrig sind, musst du so denken. Wenn du nachdenkst, wirst du zu dem Entschluss kommen, dass du es nicht machst. Beim Solo-Klettern denkst du auch nicht nach. Du hörst auf zu denken, wenn du den ersten Schritt in der Wand machst. Du denkst auch vorher nicht nach, dass du tödlich verunglücken kannst. Es ist das Privileg des Alters, dass du irgendwann mal die Relation verschiebst. Die Erfahrung macht jeder, der mal so extrem geklettert ist. Vor allem, wenn dir dabei was passiert ist. Ich bin mal aus zehn Metern runtergefallen, war schwer verletzt – in dem Moment war das Thema Solo für mich abgehakt.

Ohne Seil denke ich mir jetzt so ab fünf Metern: oh oh. Man ist da ein bisschen traumatisiert. Früher war es das Geilste. Nur mit dem Magnesiabeutel von der Hütte loslaufen, ohne Seil, nur ein paar Turnschuhe hintendran. Der Kopf ist ausgeschaltet, wie bei einer Meditation, konzentriert nur auf das, was vor dir liegt. Der Körper schüttet so viel Adrenalin aus, weil du ihn zwingst, so konzentriert zu sein. Du hörst keine Geräusche mehr, nimmst alles nur so nebenher wahr, spürst keine Angst. Das ist der Flow. Wenn du oben ankommst, ist das so, als würdest du aus einem Trance-Zustand aufwachen.

Wandern über das Eis: Trotz Schneeschmelze traut sich die Gruppe um Stefan Glowacz auf Eis. (Quelle: Klaus Fengler)
Wandern über das Eis: Trotz Schneeschmelze traut sich die Gruppe um Stefan Glowacz auf Eis.
Bild: Klaus Fengler

Fällt man nach einer solchen Erfahrung nicht in ein Loch?
Ich hatte das nach einer aufwändigen Expedition, für die wir drei Jahre lang gearbeitet hatten. Danach war ich total frustriert. Ein Psychologe erklärte mir: „Ist ja klar. Du warst ja nicht drei Jahre im Urlaub, sondern tagtäglich mit dem Projekt beschäftigt. Irgendwann ist dieses Projekt abgeschlossen und existiert nicht mehr. Es fehlt ein Ziel.“ Dadurch wirst du orientierungslos, hast keinen Halt mehr, wirst total traurig. Du musst Körper und Geist die Zeit geben, sich zu regenerieren und neue Inspiration zu suchen. Ein halbes Jahr lang hast du erstmal keine Motivation, fällst tatsächlich in ein Loch. Wenn du zu trainieren anfängst, merkst du auch, dass du völlig ausgebrannt bist – weil du halt 30 Tage wie ein Ochse unterwegs warst.

Stefan Glowacz ist mit seiner Firma Red Chili Stammgast auf der ISPO MUNICH – dort trifft sich jedes Jahr die Elite der Outdoor-Szene. Sie können 2017 ganz einfach dabei sein – Tickets gibt's hier! >>>


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Ein Beitrag von Thomas Becker, Autor
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