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 Freeride-Ass Felix Wiemers: Sein Kampf gegen Vorurteile
Freeride | 03.11.2016

Von der Turnhalle in die Swatch Freeride World Tour

Felix Wiemers über Freeride-Szene und Sponsoren: „Wir müssen Vorurteile abbauen“

Freeride-Ass Felix Wiemers: Sein Kampf gegen Vorurteile. Seit 2014 nimmt Felix Wiemers an der Freeride World Tour teil. (Quelle: Superstudio/8858 Altitude)
Seit 2014 nimmt Felix Wiemers an der Freeride World Tour teil.
Bild: Superstudio/8858 Altitude
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Felix Wiemers ist der derzeit beste deutsche Freerider auf der Freeride World Tour. Dabei begann er seine sportliche Karriere als Turner. Im Interview mit ISPO.com spricht er über die Szene, die kommende Saison und die Win-Win-Situation mit BMW.

Mit einem siebten Platz im finalen Ranking 2016 der Freeride World Tour zählt Felix Wiemers zur absoluten Freeride-Elite. 

Um sich in den Top 10 der Freeride-Weltrangliste zu behaupten, benötigte der 28-Jährige nur vier Wettkampfjahre. Inwiefern ihm dabei seine Erfahrungen als Turner in der 1. Bundesliga geholfen haben, was er sich für die neue Saison vornimmt und warum ein gesteigertes Medieninteresse nicht automatisch höhere Sponsoreneinnahmen garantiert, verrät Felix Wiemers im Interview.

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Erst Slopestyle, dann Freeride

ISPO.com: Ihre Ski-Wettkampfkarriere hat im Slopestyle begonnen. Wie kam es dazu?
Felix Wiemers: Ich war 15 Jahre alt, als ich beim Skifahren die ersten Freestyler im Funpark sah und mir dachte: Als Turner kannst du das doch auch! Also musste gleich ein Paar Twin-Tip-Ski her. Freestyle-Skifahren hat mir auf Anhieb sehr viel Spaß gemacht. Zum Freeriden bin ich dann über meine Eltern gekommen, die mich auch immer mit ins Gelände genommen haben.


Wieso sind Sie nicht beim Slopestyle geblieben?
Das ist eine gute Frage, zumal es auch bei den Wettkämpfen ganz gut lief. Aber im Januar 2009 riss ich mir das Kreuzband, und die Saison war beendet. 2010 nahm ich mir dann eine Auszeit vom Studium, um einen Winter nur Ski zu fahren. Nach der Verletzungspause hatte ich das Interesse am Slopestyle ein wenig verloren und bin meinen ersten Freeride-Contest mitgefahren. Ich merkte, dass mir das Freeriden auch sehr gut liegt, und so bin ich Stück für Stück mehr in die Freeride-Szene hineingerutscht.

Sie waren bis zur vergangenen Saison auch als Leistungsturner in der 1. Bundesliga aktiv, beim KTV Obere Lahn in Biedenkopf. Wie ließ sich das Turnen mit Ihrem Job als Freeride-Profi vereinen?
Lange Zeit haben sich das Turnen und das Skifahren bei mir die Waage gehalten. Aber inzwischen ist es so, dass sich mein Leben stärker auf das Freeriden ausrichtet. Dennoch versuche ich nach wie vor so viel Zeit wie möglich in der Turnhalle zu verbringen und zu trainieren, wenn ich zu Hause bin. Ich möchte mein Level halten, und von der Fitness und Koordination profitiere ich sicher auch beim Skifahren.

Freeride weckt Aufmerksamkeit

Felix Wiemers ist derzeit Deutschlands bester Freerider. (Quelle: www.freerideworldtour.com / D.Daher)
Felix Wiemers ist derzeit Deutschlands bester Freerider.
Bild: www.freerideworldtour.com / D.Daher

Setzen Sie sich bei Freeride-Wettkämpfen konkrete Ziele?
Wenn ich im Contest einen Hang befahre, plane ich meine Linie ganz genau. Wenn es mir dann gelingt, diese Line genau so zu fahren, bin ich schon mal zufrieden. Aber konkrete Platzierungen setze ich mir nicht als Ziel. Wenn ich meinen Run sauber runterbringe und trotzdem nur Siebzehnter werde, dann waren die anderen an diesem Tag wohl besser. Und wenn es für eine Top-Platzierung reicht, freue ich mich natürlich. Für den kommenden Winter ist mein Ziel, konstanter zu fahren.

Nimmt das Interesse von Mainstream-Medien in Deutschland mit Ihren Erfolgen auf der Freeride World Tour zu?
Ja, das passiert seit etwa drei Jahren. Ich hatte Auftritte im TV und Interviews mit größeren Zeitungen und Magazinen wie dem „Kicker“ oder „Playboy“. Freeriden ist durchaus auch für Medien außerhalb der Szene interessant. Für mich als Sportler, der davon lebt und sich selbst vermarktet, ist das natürlich positiv.

Lesen Sie hier: Sieben Mode-Trends für die Wintersport-Saison 2016/2017 >>>

Das Interesse von branchenfremden Sponsoren an einer Zusammenarbeit mit Freeride-Athleten ist trotz steigendem Medieninteresse verhalten. Warum?
Ich glaube, dass einige Branchen immer noch denken, dass wir ein Haufen Verrückter sind und sich daher viele nicht trauen, durchaus interessante Kooperationen einzugehen.

Freeride liefert mehr als Action-Bilder

Was müsste sich ändern?
Wir müssen versuchen, noch mehr Menschen über unseren Sport aufzuklären, um damit einige Vorurteile abzubauen. Wie genau wir jede Line planen und wann wir auf interessante Runs wegen gefährlicher Verhältnisse verzichten müssen, scheint immer noch nicht bei jedem angekommen zu sein, der sich über actiongeladene Bilder in den Filmen freut.

Sie können derzeit allein von Preisgeldern und Sponsoreneinnahmen Ihren Lebensunterhalt bestreiten. Unter anderem werden Sie von BMW unterstützt. Wie sieht diese Zusammenarbeit konkret aus?
Ich denke, es ist eine absolute Win-Win-Situation. BMW engagiert sich seit einiger Zeit im Wintersport und speziell auch im Freeriden. Es gibt einige interessante Projekte, die sie unterstützen, und ich bin froh, als bekanntes Gesicht der Szene hier eingebunden zu werden. Insgesamt steigert das natürlich das Medieninteresse an meiner Person und macht Leute auf die BMW-Events aufmerksam.

In diesem Jahr verunglückten die beiden professionellen Freeriderinnen Matilda Rapaport und Estelle Balet tödlich. Wie gehen Sie mit solchen Ereignissen um?
Es ist unfassbar tragisch, wenn so junge Menschen tödlich verunglücken. Das macht einen sehr traurig und nachdenklich. Dennoch kommt mir nach solchen Unglücken nicht der Gedanke, mit dem Freeriden aufzuhören. Aber natürlich macht es einem wieder bewusst, welchen Gefahren man sich beim Freeriden aussetzt. 

Neues Filmprojekt: Characters on Skis

Welche Lehren ziehen Sie aus solchen tragischen Ereignissen?
So etwas zeigt wieder, dass man sich bei keinem Hang 100 Prozent sicher sein kann. Man muss jedes Mal das Risiko abschätzen und für sich minimieren, Gefahrenstellen umgehen und seine Line so sicher wie möglich wählen. Für mich als Freerider heißt dass, dass ich so viel wie möglich über die Gefahren lernen und viele Erfahrungen beim Einschätzen von Lawinensituationen sammeln muss. Am Ende bin ich es ja selbst, der die Entscheidung trifft loszufahren – egal ob beim Contest oder beim Filmen. Man ist für sich selbst verantwortlich.

„Characters On Skis“ lautet der Titel Ihres diesjährigen Filmprojekts. Worum geht’s im Film?
Der Film dokumentiert, wie wir Fahrer den Winter erleben. Die unterschiedlichen Charaktere werden vorgestellt und dann die gesamte Saison, vom Vorwinter bis ins Frühjahr, mit der Kamera begleitet. Ein Fokus liegt dabei auf unseren beiden großen Reisen nach Japan und Norwegen. Aber auch in den Alpen haben wir viele gute Sessions gefilmt.


Gibt es schon Pläne für die Zeit nach der aktiven Freeride-Karriere?
Ich habe Lehramt studiert. Ich bin mir aber noch nicht sicher, ob ich dann eines Tages vor der Klasse stehen werde, auch wenn ich den Job interessant finde. Soweit habe ich noch nicht geplant. Ich bin gespannt, was passiert und freue mich zunächst noch über ein paar Jahre als Skifahrer!

„Characters On Skis“ mit Felix Wiemers läuft in einer Kurzversion auf der Freeride Film Festival Tour 2016 und in voller Länge auf der Alpcon-Cinemar Tour. Wenn es der Wettkampfkalender der Freeride World Tour zulässt wird Felix Wiemers zwischen dem 5. und 8. Februar auch der ISPO MUNICH einen Besuch abstatten.

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Andi Spies (Quelle: ISPO)
Ein Beitrag von Andi Spies, Autor
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