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 Olympia-Siegerin Kristina Vogel: Deshalb brach ihr Sattel in Rio
Olympia | 17.08.2016

Hersteller Look Cycle verbaut schwaches Karbon-Teil

Gold-Radlerin Kristina Vogel: Deshalb flog plötzlich ihr Sattel weg

Olympia-Siegerin Kristina Vogel: Deshalb brach ihr Sattel in Rio. Ohne Sattel feiert Kristina Vogel ihren Olympiasieg im Bahnrad-Sprint. (Quelle: Imago)
Ohne Sattel feiert Kristina Vogel ihren Olympiasieg im Bahnrad-Sprint.
Bild: Imago
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Ohne Sattel lässt sich eigentlich nicht Rad fahren – und erst recht nicht Olympia-Gold gewinnen: Doch für Kristina Vogel hat es trotz einer gefährlichen Panne an ihrem 12.000 Euro teuren Look-Bahnrad gerade noch zur Sprint-Goldmedaille bei Rio 2016 gereicht. Wer und was die Panne ausgelöst hat, erklärt ISPO.com.

Mit der Goldmedaille um den Hals kann es Kristina Vogel kaum fassen: Beim olympischen Bahnrad-Sprint bricht ihr kurz vor Schluss der Sattel unterm Po weg, direkt hinter der Ziellinie fällt er zu Boden. „Ich hab' mich nach vorne geschoben – und hab' plötzlich gemerkt: Da ist ja gar nichts mehr“, staunte Vogel nach dem Olympia-Rennen in Rio.


Zunächst habe sie gedacht: „Verdammt, jetzt haut es mich gleich auf die Fresse und ich hab' deswegen verloren“, berichtete die 25-Jährige. Aber es reichte doch – um vier Tausendstelsekunden!

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Französischer Rad-Bauer wollte Gewicht sparen

Aber wie kann es passieren, dass plötzlich der Sattel wegbricht? „So etwas habe ich bisher noch nicht erlebt“, sagt Michael Hübner, Sportlicher Leiter von Vogels Team Erdgas.2012, zu ISPO.com.

Er sieht die Ursache der Panne in einer zu schwach gebauten Sattel-Rahmen-Verbindung des französischen Herstellers Look (der Sattel selbst kommt von der italienischen Firma Fizik). „Fast alle Komponenten an solchen Bahnrädern sind aus Karbon, leichter geht es quasi nicht“, berichtet Hübner.

„Sechs Wochen vor Olympia wurde von Look ein neues Rad geliefert, da waren auch diese Sitzhalterungen dabei, die noch leichter konstruiert wurden – wohl zu schwach für diese Extrembelastung.“

Vogel bestätigt Hübners Vermutungen

Kristina Vogel erklärt den Vorgang bei „bild.de“ später detailliert: „Dieses Seatpost, diese Hülse, hat sich vom Rahmen wegkatalpultiert beim Zielwurf, das war ein wenig verrückt.“ Die 25-Jährige stellt klar: „Das war kein Fehler vom Mechaniker, der macht eine super Arbeit.“

Sie habe schon länger Probleme mit dem Sattel und dem Material gehabt, sagt Vogel: „Das hat sich aber im Training noch nicht so gezeigt, erst beim Wettkampf.“

Vogels „Tigersprung“ war zu viel für den Sattel

Die Neuentwicklung von Look hat die Panne also verursacht: „Wir haben ein ganz neues System an dem Fahrrad gehabt“, erklärt Vogel. „Die Aufnahme des Sattels ist wie bei einem Straßenrad und eine Hülse, die auf den Rahmen gesteckt wird – das kann man eigentlich nicht verlieren. Aber diese Hülse oder Klemme vom Sattel hat sich durch den Kurvendruck gelöst. Fürs Straßenrad ist das okay, aber für die Bahn, wo sich große G-Kräfte entwickeln, eben nicht.“

Vogels „Tigersprung“ vor der Ziellinie habe der schwachen Verbindung zwischen Rahmen und Sattel wohl den Garaus gemacht, meint auch Hübner. Dabei setzt man sich mit Schwung hinten auf die Sattelkante, um sein Vorderrad ein paar Zentimeter nach vorne zu schieben. „Bei rund 70 km/h entstehen gewaltige Kräfte“, sagt der Radsport-Fachmann.

Vogels Bahnrad kostet rund 12.000 Euro

Kristina Vogel ist – neben ihrem Thüringer Teamkollege Maximilian Levy – die einzige deutsche Fahrerin, die bei Olympia mit einem Look-Rad unterwegs ist. Die anderen starten mit Rädern von FES, dem Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten.

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Bahnräder wiegen zwischen sechs und sieben Kilo. Vogels Exemplar würde rund 12.000 Euro kosten, wenn sie es nicht vom Hersteller zur Verfügung gestellt bekäme. Allein die Karbon-Laufräder des französischen Produzenten Mavic kosten rund 2500 Euro.

Abgebrochener Sattel soll Ehrenplatz bekommen

Dem französischen Hersteller sei man aber nicht böse, sagt Hübner. „Es hat zu Gold gereicht – und demnächst verbauen wir wieder ein anderes Teil“, meint er. Und auch Vogel sieht den Vorfall nicht so eng: „Den Sattel hänge ich mir neben die Medaille ins Büro.“

Auch das Look-Rad wird wohl nach gerade mal 300 Kilometern Laufleistung aussortiert. „Man könnte es schon noch eine Weile fahren“, sagt Vogel bei „bild.de“, „aber ich glaube, es wird an den Nagel gehängt.“

Hier zeigt Look Cycle, wie es seine Karbonräder produziert

Joscha Thieringer (Quelle: ISPO)
Ein Beitrag von Joscha Thieringer, Autor
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