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 Monika Retschy: Was Bouldern in Deutschland noch fehlt
Outdoor | 11.08.2016

Studium statt Profi-Karriere im Trendsport

Monika Retschy: So tickt Deutschlands Nummer eins im Bouldern

Monika Retschy: Was Bouldern in Deutschland noch fehlt. Bouldern auf Weltklasse-Niveau: Monika Retschy beim Weltcup in Mumbai. (Quelle: DAV)
Bouldern auf Weltklasse-Niveau: Monika Retschy beim Weltcup in Mumbai.
Bild: DAV
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Bouldern ist schon längst nicht mehr nur der kleine Bruder des Kletterns, sondern mittlerweile selbst Trend. Die athletischen Moves in Absprunghöhe haben ihre eigenen Stars hervorgebracht – Monika Retschy ist Deutschlands Nummer eins.

Bouldern bringt die gesamte Athletik der Sportart Klettern auf den Punkt – und subtrahiert die Höhenangst. Das Klettern in Absprunghöhe über weichen Matten ist eine Mischung aus anspruchsvollem Krafttraining und Zirkus-Artistik, mit hohem Social-Faktor und kaum vorhandener Einstiegshürde. Anfänger brauchen nicht mehr als ein paar Schuhe.

Monika Retschy beim Boulder-Weltcup

Am 12. und 13. August 2016, ausgerechnet beim Heim-Weltcup in München, scheiterte Monika Retschy schon in der Qualifikation – in der Gesamtwertung des Jahres 2016 wurde sie dennoch Fünfte. Den Titel der Frauen holte sich Shauna Coxsey (England), den der Männer Tomoa Narasaki (Japan).

Im Interview mit ISPO.com erklärt die 24-Jährige, wie Bouldern so populär werden konnte, warum sie niemals Profi werden möchte – und was dem Sport in Deutschland derzeit fehlt, um auf internationaler Ebene ganz vorne mitzuspielen.


ISPO.COM: Frau Retschy, wo steht eigentlich das Bouldern mittlerweile? Ist es noch ein Trendsport – oder schon Massensport geworden?
Monika Retschy: Genau dazwischen. Vor zwei, drei Jahren war es Trend, man hat sich über die positive Entwicklung gefreut. Und nun, wenn man abends in der Halle trainiert: Das sieht schon sehr nach Massensport aus! (lacht)

Schon überall in Deutschland?
In München, wo ich herkomme sowieso, da zieht auch die ganze Region mit. Aber ich sehe schon auch, wie der Sport in den anderen Bundesländern ankommt – in Berlin sind die Boulderhallen inzwischen auch schon voll.

„Beim Bouldern findet man sofort Anschluss“

Warum ist Bouldern so erfolgreich?
Ich denke, es ist der kommunikative Aspekt: Selbst wenn man alleine kommt, findet man sofort Anschluss. Wer noch nicht so fit ist, sitzt eben auf der Matte, schaut zu und ist trotzdem mittendrin. Das Miteinander beim Bouldern ist schon auch eine Besonderheit, man gibt sich gegenseitig Tipps und hilft sich. In der Boulderhalle kann man Menschen ganz unkompliziert kennenlernen.

Moderne Hallen sind sehr einsteigerfreundlich gestaltet – und sprechen auch gezielt Menschen an, die noch niemals geklettert sind.
Wenn man auch nur ein bisschen sportlich ist, kommt man eigentlich immer irgendwo hoch und hat so ein erstes Erfolgserlebnis. Das ist wichtig für die Motivation, klar! Auf meinem Niveau wünscht man sich natürlich ein paar schwerere Boulder, aber das ist schon okay so! (lacht)

Beim Bouldern sind neben Kraft vor allem auch Beweglichkeit und Körperspannung gefragt. (Quelle: Sarah Sommer)
Beim Bouldern sind neben Kraft vor allem auch Beweglichkeit und Körperspannung gefragt.
Bild: Sarah Sommer

Frau Retschy, Sie studieren neben dem Sport. Wollen bzw. können Sie Profi werden?
Ich möchte nicht mit dem Bouldern mein Geld verdienen. Das funktioniert nicht und bedeutet mir zu viel Stress. Denn ich möchte nicht dafür bezahlt werden, dass ich gute Leistungen bringe. Ich möchte, dass ich mit meinen Sponsoren eine gute Basis habe und an den Wettkämpfen teilnehmen kann. Dann passt das. Aber das wird eher früher als später vorbei sein und dann habe ich einen normalen Beruf.

Nächster Schritt in Retschys Karriere: Nachwuchstrainerin

Sie wollten eigentlich schon nach dieser Saison aufhören, richtig?
Ich hätte Schluss gemacht, wenn der Weltcup nicht so gut gelaufen wäre. Der Plan war: Wenn ich weltweit unter die Top 10 komme, mache ich noch ein Jahr weiter. Tja, so ist es jetzt gekommen. Jetzt habe ich es geschafft, jetzt mach' ich noch ein Jahr. Ein Ende ist also in Sicht.

Wechseln Sie da ins Business oder bleiben Sie dem Bouldern direkt verbunden?
Ich bin jetzt schon Nachwuchstrainerin und möchte das auch bleiben. Mit den Kleinen zu arbeiten, meine Erfahrung weiterzugeben, das macht einfach wahnsinnig Spaß. Was die für ein Feuer haben, wie motiviert die sind!

Monika Retschy mit den ISPO.com-Mitarbeitern Sarah Sommer und Julian Galinski in der Münchner Boulderwelt Ost. (Quelle: Redaktion ISPO.com)
Monika Retschy mit den ISPO.com-Mitarbeitern Sarah Sommer und Julian Galinski in der Münchner Boulderwelt Ost.
Bild: Redaktion ISPO.com

Im Moment sieht Ihr Modell also so aus: Sie decken mit dem Bouldern Ihre Ausgaben und finanzieren Ihr Studium?
Ja, so ungefähr. Die Wettkämpfe werden vom Alpenverein übernommen, da entstehen keine Kosten für uns. Meine Sponsoren unterstützen mich hauptsächlich mit Klamotten, Schuhen und bei Reisen.

Welche Unternehmen sind das?
Das ist zum einen Marmot, Scarpa und Black Diamond.

Welchen Kletterschuh trägt Deutschlands beste Boulderin?
Mit dem Scarpa Stix klettere ich. Eigentlich bin ich nicht so der Freund von Slippern, aber mit dem Schuh komme ich super klar.

Lesen Sie hier von Scarpas Kult-Schuh-Designer Heinz Mariacher.

Da hätten wir jetzt aber ein totales High-End-Modell erwartet.
Was bedeutet das schon, High-End? Für mich ist der Schuh genau das, was ich im Wettkampf brauche, weil der einfach alles kann. Ich kann da nicht zwischen den einzelnen Bouldern entscheiden: Oh welcher Schuh jetzt?


Wie alt waren Sie, Frau Retschy, als Sie mit dem Bouldern angefangen haben?
Elf, zwölf Jahre. Die Kletterhalle war die Regenalternative im Familienprogramm des Alpenvereins. Damit war ich eigentlich recht spät dran, heute braucht man in dem Alter gar nicht mehr anfangen, wenn man wirklich im Klettern in die Weltspitze will. Mit sechzehn, siebzehn dann habe ich mich jedenfalls ganz konkret für das Bouldern entschieden.

Und warum Bouldern statt Seilklettern?
Zum einen bin nicht ich überhaupt keine Ausdauersportlerin, alles was über 30 Sekunden Belastung hinausgeht, ist mir eigentlich schon zu lang! (lacht) Zum anderen ist da eben der kommunikative Aspekt. Beim Seilklettern ist man in der Wand relativ allein.

Wie sieht Ihr Trainingsumfang mittlerweile aus?
Je nachdem, was mein Studium zulässt. Ich versuche fünfmal pro Woche vier Stunden zu trainieren. 

Und das Ausgleichstraining?
Wenn man Zeit hätte, dann würde man das tun. Ich versuche so gut es geht, auch mal zu laufen oder zu schwimmen.

Sie dürfen sich Deutschlands beste Boulderin nennen. Was bedeutet Ihnen das? War das ein Ziel, vielleicht sogar geplant?
Das hat, ehrlich gesagt, auch damit zu tun, dass Jule Wurm (Weltmeisterin 2014, Europameisterin 2015, d. Red.) vergangenes Jahr vom Wettkampfsport zurückgetreten ist. Jule war eine Klasse für sich, für mich ein Maßstab, wo ich auch mal hinkommen wollte. Das war für mich zuerst seltsam: Wo will ich jetzt noch hin, wenn sie nicht mehr da ist? Aber mittlerweile haben sich die Ziele verschoben, auch in Richtung der Nachwuchsförderung. Ich hoffe, dass es bald wieder ein deutsches Frauen-Team im Weltcup gibt. Diese Saison besteht das ganze Team aus mir.

Mitarbeit: Sarah Sommer

Das ist Monika Retschy

Monika Retschy: Deutschlands Nummer eins im Bouldern – aber kein Profi. (Quelle: Sarah Sommer)
Monika Retschy: Deutschlands Nummer eins im Bouldern – aber kein Profi.
Bild: Sarah Sommer


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Julian Galinski (Quelle: ISPO)
Ein Beitrag von Julian Galinski, Leitender Redakteur
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