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 Alpin-Star Hansjörg Auer: Himalaya-Tragödie lässt ihn nicht los
Outdoor | 13.07.2016

Extrembergsteiger über Motivation und Risiken

Free-Solo-Star Hansjörg Auer: „Gerry Fiegls Tod hat mich verändert“

Bis ans Limit: Einem Nicht-Bergsteiger seien die Anstrengungen kaum zu vermitteln, sagt Auer. (Quelle: Privat)
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Seit Oktober 2015 hat sich das Leben von Extremkletterer Hansjörg Auer komplett gewandelt: Beim Abstieg vom Nilgiri South stürzte Gerry Fliegel vor den Augen des Expeditionstrupps in den Tod. Das schlimmste Erlebnis für den Alpinisten und seine Crew, das der 32-jährige Tiroler bis heute nicht richtig verarbeitet hat.  

Dabei klettert Auer seit seinem zwölften Lebensjahr: 2007 steigt der Mathe- und Sportlehrer free solo durch die 37-Seillängen-Route „Der Weg durch den Fisch“ in der Marmolada Südwand und wird über Nacht zum Shooting-Star der Kletterszene.

Im Interview mit ISPO.COM spricht Auer über die schweren Monate nach dem Tod seines Kletterkollegen, zuletzt gescheiterte Expeditionen mit David Lama und Dreharbeiten mit Reinhold Messner.


ISPO.COM: Herr Auer, Sie sind seit ein paar Wochen von Ihrer letzten Expedition zurück, auf der Sie gemeinsam mit David Lama und Alex Blümel versuchten, die Annapurna III über den Südostpfeiler erstzubegehen. Wie ist es Ihnen ergangen?
Hansjörg Auer: Wir sind gescheitert. 1981 versuchte sich ein britisches Team in der von uns angestrebten Route. Die kamen zwar ziemlich weit, erreichten den Gipfel aber nicht. Die Linie ist richtig anspruchsvoll, sehr herausfordernd, aber gerade deshalb auch so reizvoll. Hinzukommt, dass der Weg zum Berg nach einem schweren Erdrutsch Ende der 80er-Jahre nicht mehr gut passierbar ist. Es gibt keine Agentur mehr, die Träger in die Region vermittelt. Nick Bullock versuchte 2006 als letzter Bergsteiger zu Fuß ins Basecamp zu gelangen, musste aber aufgeben.

Wie haben Sie das Problem gelöst?
Mittlerweile braucht man einen Helikopter, der einen ab Pokhara ins Basecamp fliegt.

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Was waren die größten Herausforderungen, die Sie am Berg erwartet haben?
Die Annapurna Region ist vom Wetter her grundsätzlich schwierig. Im Tal herrscht tropisches Klima, in den hohen Lagen erwartet einen sehr feuchtes Klima. Im Frühjahr nutzt man als Bergsteiger die langen Tage, muss aber mit viel Niederschlag rechnen, im Herbst ist es zwar weniger feucht, dafür sind die Tage deutlich kürzer. Wir haben uns fürs Frühjahr entschieden. Unser Hauptproblem war dann das Wetter. Bis auf fünf Tage hatten wir jeden Tag Niederschläge. Fünf Wochen lang. 

Und diese fünf Schönwettertage gab’s sicher nicht am Stück.
(Lacht) Nein, eben nicht, die waren verteilt. Da kannst fast nix machen.

Extrembergsteiger Hansjörg Auer: Die Sucht nach dem Extremen. (Quelle: Elias Holzknecht)
Extrembergsteiger Hansjörg Auer: Die Sucht nach dem Extremen.
Bild: Elias Holzknecht

Wie viel Frust kommt da im Basislager auf? 
Grundsätzlich ist es ein echtes Privileg, überhaupt in diese Region aufbrechen zu dürfen. Eine so schöne Moränenlandschaft habe ich bisher in meinem Leben jedenfalls noch nicht gesehen. Du sitzt im Basecamp auf 4.600 Metern zwischen Annapurna IV und III und der Rückseite des Machapuchare in einem Kessel und dir wird bewusst, dass diesen atemberaubenden Anblick erst eine Handvoll Menschen überhaupt haben sehen dürfen.

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„80 Prozent der Expeditionen scheitern“

Wenn man ins Basecamp fliegt, ist das der Akklimatisation nicht gerade förderlich. 
Wir haben uns unmittelbar vor der Expedition in Zermatt akklimatisiert und sind dann vor Ort am Ostgrat der Annapurna III in einer Höhe von 6.000 Metern aufgestiegen, haben dort ein paar Tage verbracht. Im Anschluss starteten wir einen Versuch am Südostpfeiler. Der erste von vier Tagen in der Wand lief großartig. Danach aber hat uns das Wetter einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Wie muss man sich die Wetterkapriolen vorstellen?
Du stehst um 6 Uhr auf, kletterst zwei, drei Seillängen in der Kälte, danach ist es für ein paar Seillängen perfekt, ab 11 Uhr fängt es täglich zu schneien an. Und das, obwohl die Großwetterlage gar nicht so übel war. Rund um Pokhara bildet sich ein stark veränderliches Mikroklima. 

Konnten Sie wertvolle Erfahrungen für eine weitere Expedition dorthin sammeln?
Jetzt, wo wir die Linie einmal mit eigenen Augen gesehen haben, kann ich sagen: Sie ist schwer, aber machbar. Ein richtig gutes Alpinstil-Projekt. Insgesamt haben sich bisher vier, fünf Expeditionen am Südost-Pfeiler versucht. Richtig eingestiegen sind allerdings nur die Briten und wir. Die Kletterei ist schon sehr exponiert und schwierig.

Wie enttäuscht ist man als Alpinist, wenn Projekte – zumindest beim ersten Anlauf – scheitern?
Klar ist man anfangs enttäuscht, aber man muss ehrlich sein: 80 Prozent der Expeditionen, die ans Limit gehen, scheitern beim ersten Mal.

David Lama, selbst einer der ganz Großen im Bergsport – war mit im Team. Wie ist das, wenn zwei Alphatiere gemeinsam unterwegs sind? Verdoppelt sich dadurch die Kompetenz oder spürt man unterschwellig auch Konkurrenz?
Konkurrenten sind wir auf gar keinen Fall! David (Lesen Sie hier ein Interview mit David Lama) und ich sind zwar keine Sandkastenfreunde, aber der Sport verbindet uns schon seit einigen Jahren. Es ist weitaus mehr als eine Zweckfreundschaft. Gelegentlich gibt es schon Diskussionen zwischen uns. (Lacht) David ist ein Typ Mensch, der gerne auch mal die Kontroverse sucht.

Durch Eis und Schnee: Hansjörg Auer erklimmt die schönsten Gipfel. (Quelle: Privat)
Durch Eis und Schnee: Hansjörg Auer erklimmt die schönsten Gipfel.
Bild: Privat

Tut Kontroverse einer Expedition gut?
Ich denke schon. Mit David ist es am Berg wirklich extrem lässig. Er ist ein ganz starker Kletterer. Am Berg gibt es ohnehin nur einen Strang – an dem ziehen wir beide.

Was sagen die unterschiedlichen Sponsoren dazu, wenn Sie gemeinsam losziehen?
Sponsoren können nicht der Grund sein, dass man nicht gemeinsame Projekte macht. Zieht man mit David Lama los, muss einem klar sein, dass er in den Medien die Hauptrolle spielt. Aber nicht, weil David es so einfädelt, sondern einfach, weil er einen viel höheren Bekanntheitsgrad hat als ich.

Was sagen Ihre Sponsoren, etwa The North Face dazu?
The North Face alleine kann so ein Projekt finanziell nur schwer stemmen. Und mit mehreren finanziellen Partnern zusammen wird es gleich kompliziert. Also geben sie mir grünes Licht und freuen sich. Für mich ist The North Face ein idealer Partner. Die Zusammenarbeit ist lässig, ohne Druck, ein wirklich schönes Miteinander. Wir realisieren auch ein, zwei Projekte pro Jahr zusammen. Und wenn ich Großes vorhabe, zahle ich notfalls die Kosten aus eigener Tasche. Dann trete ich keine Rechte ab, kann mit den Bildern und Filmen machen, was ich will und bleibe frei und flexibel. Lässt du dir alles von einer Firma finanzieren, dann übernimmst du ja streng genommen einen Job. Trägst du die Expeditionskosten selbst, pfuscht dir keiner drein.

„Gerrys Tod kann man nicht abschütteln“

Rückblick: Am 25. Oktober 2015 stehen Sie mit Alex Blümel und Gerry Fiegl auf dem Gipfel des Nilgiri South (6.938 m). Die Erstbesteigung durch die Südwand, ein alpinistischer Meilenstein, ist gelungen. Im Abstieg stürzt Gerry Fiegl vor Ihnen Augen ab. Sprechen Sie in diesem Zusammenhang von einem „Erfolg“?
Es ist kein Erfolg.

Ist das Erreichen des Gipfels für Sie persönlich nichts mehr wert?
Du gehst auf Expedition, um auf dem Gipfel zu stehen. Das ist der einzige Grund, wieso wir das machen. Das ist uns gelungen, die Kletterei war super schwierig. Bis dorthin sprechen wir von einem Erfolg. Verunglückt im Abstieg aber jemand, realisierst du rasch, was dieser Verlust im Gesamten bedeutet.

Was war passiert?
Alex und ich bemerkten erst im letzten Biwak vor dem Gipfel, dass mit Gerry irgendetwas nicht stimmt. Er selbst hatte während des gesamten Aufstiegs nie von irgendwelchen Problemen gesprochen. Den Rückweg über die Aufstiegsroute anzutreten, war viel zu gefährlich, schlicht unmöglich. Wir mussten auf den Gipfel und wollten so schnell wie möglich über die Rückseite wieder absteigen. Aber mit Gerry ging es mehr und mehr bergab. Wahrscheinlich litt er unter einem Hirnödem. Im Abstieg ist er vor unseren Augen abgestürzt. 

Man hätte nichts tun können?
Man ist doch selbst total am Limit! Das können nur andere Bergsteiger nachvollziehen, einem Normalsterblichen ist diese Situation schwer verständlich zu vermitteln.

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Wie verarbeitet man so eine Tragödie?
Während der Annapurna-III-Expedition gab es viele Momente, die nicht einfach waren. Auch für Alex, der mit Gerry ja viel häufiger unterwegs war als ich. So etwas verändert einen schon. Man kann das nicht abschütteln. Du kannst es vielleicht mal ausblenden, aber los wirst du das nicht.

Wie tritt man den Eltern gegenüber?
Das ist sehr schwer. Man muss den Eltern ja auch erklären, warum man ihren Sohn nicht nach Hause bringt. Wir hatten keine Chance ihn zu bergen. Ich habe Gerrys Vater versucht zu erklären, was passiert ist. Mein Bruder Matthias hat bei einer Kapelle, die Gerry vor seiner Expedition besucht hat, eine kleine Gedenkstätte für ihn errichtet. Unmittelbar nach meiner Rückkehr von der Annapurna III war ich dort und traf auf dem Rückweg Gerrys Mutter. Solche Momente sind sehr schwierig. Aber wir sind auch nicht aus Stein. Gerry fehlt einfach. Auch uns.

Größtes Vertrauen in die Technik: Hansjörg Auer hängt an der Eiswand. (Quelle: Privat)
Größtes Vertrauen in die Technik: Hansjörg Auer hängt an der Eiswand.
Bild: Privat

Mir fallen da sofort Reinhold und Günther Messner ein.
Reinhold Messner würde unser Filmmaterial auch gerne verwenden, um das Thema tiefer zu beleuchten: Wie Mütter die Tatsache verarbeiten, dass ihre Söhne auf große Berge steigen. Unser Tun ist den Eltern bzw. Angehörigen gegenüber eigentlich verantwortungslos. Dennoch gewinnt unsere Leidenschaft. Wir tun es trotzdem bzw. unsere Eltern lassen uns ziehen. Reinhold Messner war letzte Woche bei mir zu Hause. Wir haben einen Nachmittag lang diskutiert. Der Film entsteht natürlich nur, wenn alle Eltern einverstanden sind.

„Der Reiz ist größer als die Vernunft“

Apropos verantwortungslos: Vergangenen Sommer kletterten Sie die Route „Mephisto“ am Heiligkreuzkofel in den Dolomiten seilfrei. Auf Facebook las man, dass Sie vier Jahre lang auf den perfekten Moment gewartet haben, um dieses Vorhaben zu realisieren.
An diesem Tag hat alles gepasst. Von dieser Tour habe ich als Kind schon immer geträumt. Sie ist von meinem Vorbild Reinhard Schiestl erstbegangen. Seine Geschichten habe ich als Kind verschlungen. Diese Route seilfrei zu klettern war ein Traum.

Free Solo – warum machen Sie das bloß?
Der Reiz es zu tun, ist gelegentlich stärker als die mahnende Vernunft.

2007 kletterten Sie die 1220 Meter lange Route „Weg durch den Fisch“ Free Solo. Hat dieser Tag Ihr Leben verändert?
Im Nachhinein gesehen total. Man wurde auf mich aufmerksam.

Ist dieses Free Solo eine Art Stempel?
Ja, man verbindet es mit mir.

Gab es damals Mitwisser?
Mein Bruder und meine Mutter wussten Bescheid. Ich saß am Küchentisch und bat meine Mama, mir eine Portion Nudeln zu kochen, da ich in den kommenden Tagen viel Energie brauchen würde. Meine Mutter war schockiert. Freilich flossen Tränen. Aber für mich war es damals wichtig, ihr die Wahrheit zu sagen. Als ich 2011 zur Schüsselkarspitze aufbrach um den „Bayerischen Traum“ free solo zu klettern, hab' ich geschwiegen.

Warum?
Früher – ich war noch kein Profikletterer – war für alle klar, dass ich das nur für mich tue. Jetzt, wo ich Sponsoren habe, könnte mir unterstellt werden, ich täte es nur, um etwas Großes zu liefern. Deshalb schweige ich manchmal lieber.

Glauben Sie, dass dieser Drang irgendwann erlischt?
Ich glaube ja. Spätestens, wenn man Kinder hat, wird man vernünftiger. „Mephisto“ war nach vier Jahren Pause wieder mein erstes Free Solo. (Lacht) Die Abstände werden also schon größer.

Als Judmaier-Double im Messner-Film

Die Tiroler Tageszeitung meldete, dass Reinhold Messner mit „Still Alive“ sein Debüt als Regisseur geben wird und Sie bei den Dreharbeiten dabei waren. Worum geht es in dem Film und welche Rolle spielen Sie? 
Die spektakuläre Rettungsaktion am Mount Kenia im Jahr 1970 wird verfilmt. Damals verletzte sich der Tiroler Bergsteiger Gert Judmaier nach einem Sturz schwer. Sein Begleiter Oswald Oelz organisiert Hilfe. Nach acht Tagen in der Wand wird Judmaier von der Tiroler Bergrettung geborgen. Er überlebt. Mein Bruder Vitus und ich agieren als Doubles. Ich bin Judmaier, mein Bruder spielt Oswald Oelz.

Wie war’s am Set?
Es war ein cooler Job. Mit Reinhold Zeit verbringen zu dürfen, macht Spaß. Er ist einfach eine interessante Persönlichkeit. Außerdem kennt sich Messner in der Historie des Bergsteigens aus wie kein anderer.

Das ist Hansjörg Auer online:

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Johanna Stöckl (Quelle: Johanna Stöckl)
Ein Beitrag von Johanna Stöckl, Autorin
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