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 „ISPO ist das ganze Jahr“
Sportbusiness | 10.04.2016

Klaus Dittrich, Chef der Messe München, im Interview mit ISPO.com

„ISPO ist das ganze Jahr“

„ISPO ist das ganze Jahr“. Beim ISPO VIP Dinner treffen sich die Stars der Sportbranche (Quelle: Messe München GmbH)
Messe-Chef Klaus Dittrich mit seiner Frau Margit, Mitgründerin der Initiative "Frauen verbinden"
Bild: Messe München GmbH
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Die Messe München will ihren Ausstellern ein Tor öffnen Richtung Endkunden. Zwar werde die Messe ISPO MUNICH immer dem Fachpublikum vorbehalten sein, sich über digitale Plattformen aber auch dem Verbraucher nähern, erklärt Klaus Dittrich, der Vorsitzende der Geschäftsführung der Messe München. Im Interview mit ISPO.com spricht der bestens in der Sportbranche vernetzte Manager auch über die Bedeutung des Sports angesichts des demographischen Wandels und welchen Herausforderungen sich die Branche stellen muss. Er erklärt, warum Frauen für die Sportartikelindustrie immer wichtiger werden und wie sich moderne Arbeitgeber heute um die Fitness ihrer Mitarbeiter kümmern können.


Herr Dittrich, immer mehr Menschen verbringen den Großteil ihres Alltags ohne körperliche Betätigung. Eine Gefahr für die Sportartikelindustrie?
Klaus Dittrich: Ja und nein. Der Sportbranche werden ja überdurchschnittlich große Wachstumsraten vorhergesagt. Trotzdem steht sie vor der großen Herausforderung, wieder mehr junge Menschen dazu zu bringen, sich sportlich zu betätigen. Schon vor einigen Jahren kam die Nike-Studie zu dem Erkenntnis, dass zum ersten Mal die statistische Lebenserwartung gegenüber der vorangehenden Generation sinkt – statt zuzunehmen. Und das, weil die Menschen sich immer weniger körperlich bewegen.

Kann die Sportartikelindustrie diese Herausforderung alleine meistern?
Nein. Es ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Man muss alle dazu motivieren, daran mitzuarbeiten. Eltern, Schulen, Sportartikelhersteller, Politik, Arbeitgeber. 


Ist es auch die Aufgabe eines Managers, darauf zu achten, ob seine Mitarbeiter sich fit halten?
Es gehört zur unternehmerischen Verantwortung, sich um Gesundheit und Fitness der Mitarbeiter zu kümmern. Sie reduzieren krankheitsbedingte Ausfälle, fördern die Mitarbeiterzufriedenheit und steigern ihre Attraktivität als Arbeitgeber. Unsere wichtigste Entscheidung in diesem Zusammenhang war, einen mobilen Firmen-Fitnesstrainer einzusetzen, der unsere Mitarbeiter in deren Büros aufsucht und für jeden ein individuelles Trainingsprogramm aufsetzt.

Welchen konkreten Tipp haben Sie für sich mitgenommen?
Das Treppensteigen zum Beispiel. Ich gehe jetzt jeden Tag von der Tiefgarage zu Fuß in mein Büro im vierten Stock.

Zurück zur Sportartikelbranche: Welche Herausforderung muss diese heute und in naher Zukunft meistern?
Angesichts der sich ändernden Witterungsbedingungen muss der gesamte Herstellungs- und Logistikprozess flexibler werden. Nur so kann man die Kundenbedürfnisse dann stillen, wenn sie aktuell sind – die Skiausrüstung also dann in ausreichender Menge im Laden ist, wenn Schnee liegt und ich sie auch wirklich kaufen möchte.

Klaus Dittrich, Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe München GmbH, testet ISPO BRANDNEW Overall Winner ICAROS (Quelle: Messe München GmbH)
Klaus Dittrich, Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe München GmbH, testet ISPO BRANDNEW Overall Winner ICAROS.
Bild: Messe München GmbH

Und technologisch?
Enorme Wirkung wird das ganze Thema Wearables entfalten. Ich persönlich finde, dass sie aber noch benutzerfreundlicher werden müssen.

Das Thema „Healthstyle“ ist auch auf der ISPO MUNICH groß.
Ja, auch wenn es banal klingt. Denn dass Sport gesund ist, ist doch eine Binsenweisheit. Über konkrete Angebote wird aber zu wenig diskutiert. 

Die Silver Generation sucht nach Sport-Angeboten

Fehlt vielleicht auch die Nachfrage?
Nicht zwangsläufig. Die sogenannte Silver Generation erkennt zunehmend, dass sie sich mehr um ihre Gesundheit kümmern muss und sucht nach maßgeschneiderten Angeboten. Viel schlimmer ist aber, dass der Nachwuchs ausbleibt. Wenn die sportliche Betätigung nicht breit gefördert wird, verliert die Sportartikelbranche ihre Kundenbasis. Diese Erkenntnis führt zu Initiativen wie „Dein Winter. Dein Sport“

Der demografische Wandel als große Herausforderung…
Ja. Das nächste große Thema werden Frauen sein, ein Markt, der stark wächst. Wir sehen da große Potentiale. Immer mehr Sportartikelhersteller produzieren eigene Frauenlinien. Auch der Fachhandel stellt sich zunehmend durch spezielle Angebote auf diese Zielgruppe ein. 

Klaus Dittrich am Felsgrat hinauf auf die Aiguille du Goûter. (Quelle: Julian Rohn)
Klaus Dittrich am Felsgrat hinauf auf die Aiguille du Goûter.
Bild: Julian Rohn

Wie reagieren Sie auf diese Entwicklung?
Zum Beispiel durch die Initiative „Frauen verbinden“, bei der die Messe München Frauen in der Wirtschaft vernetzt – zum Beispiel auf der Inhorgenta oder der Bauma. Auf der ISPO MUNICH werden wir 2017 eine Veranstaltung mit Antje von Dewitz machen, die das Familienunternehmen Vaude führt (hier lesen Sie ein Interview mit ihr). 

Kommen wir auf Ihr Kerngeschäft: Müssen sich angesichts der Digitalisierung nicht auch Messen ändern? Provokant gefragt: Braucht man noch eine Messe wie die ISPO MUNICH, auf der sich die Branche vier Tage im Jahr trifft? 
Die Entwicklung ist für Messen nicht so dramatisch wie etwa im Verlagswesen. Wir wissen, dass die persönliche Kommunikation durch elektronische Medien nicht ersetzt werden kann. Also wird es auch in 50 oder 100 Jahren Messen geben. 

Die Messe steigert ihren Wert

Aber einfach so weitermachen wie bisher, das geht nicht?
Sicher nicht. Unsere Devise lautet: Wie können wir den Wert einer Messebeteiligung für unsere Aussteller und Besucher ausweiten? Und wie können wir die hohe Reichweite der Messe ganzjährig nutzen?

Wie haben Sie diese Fragen beantwortet?
Indem wir ganzjährig digitale Services anbieten. Von der Messe-Vor- und Nachbereitung über Crowdsourcing-Projekte bei OPEN INNOVATION bis hin zur Verbreitung von Nachrichten, wie es jetzt die neue Website ISPO.com macht. Unsere Aussteller sollen ganzjährig einen Return on Investment erhalten. Die Botschaft ist: ISPO ist das ganze Jahr.


Warum braucht ein Unternehmen die digitalen Services einer Messe? Könnte es das nicht selbst übernehmen?
Ganz einfach: Eine Multi-Plattform wie ISPO entwickelt eine Reichweite und Attraktivität, die selbst ein großes Unternehmen alleine nie erreichen wird. Müsste sich ein Kunde auf einzelnen Unternehmensplattformen einen Marktüberblick verschaffen, wäre das ein extrem aufwändiges Verfahren. 

Die ISPO MUNICH wird eine reine B2B-Messe bleiben

Diesen Marktüberblick wünschen sich auch viele Endkonsumenten. Einige Hersteller fordern deshalb schon lange, auf der ISPO MUNICH zumindest einen Endverbrauchertag einzuführen.
Das wird nicht passieren. Die ISPO MUNICH wird eine reine B2B-Messe bleiben. Trotzdem haben wir bereits eine Möglichkeit gefunden, mithilfe der Plattform ISPO unseren Ausstellern und Partnern einen Kanal in Richtung Endverbraucher zu bieten.

Und die wäre?
Das Internet. Genauer gesagt mit der neuen ISPO.com. Schon bei der ISPO MUNICH hat sich gezeigt, dass wir mit der neu gerelaunchten Seite etwa 300.000 mehr Menschen erreicht haben als in den Jahren zuvor. 

Von welcher Art User gehen Sie da aus, wer also ist die neue Zielgruppe?
Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass wir plötzlich 300.000 zusätzliche Fachbesucher über das Internet erreicht haben. Das waren zu großen Teilen Endverbraucher, die sich über die auf der ISPO MUNICH vorgestellten Produkte und die diskutierten Trends informieren wollten. Und das ist gut so. B2B2C und in der Konsequenz auch B2C wird immer wichtiger für uns und unsere Kunden, die Aussteller und die gesamte Branche.

Das heißt?
Je mehr wir von dem publizieren, was in diesen vier Tagen und an den restlichen 361 Tagen des Jahres passiert, umso besser für Aussteller, Besucher und jeden, der sich für die Themen Sport und Sport Business interessiert.

Klaus Dittrich, Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe München, überreicht Spitzenalpinistin Gerlinde Kaltenbrunner den ISPO Pokal als "Sportpersönlichkeit des Jahres" (Quelle: Messe München GmbH)
Klaus Dittrich, Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe München, beglückwünscht Spitzenalpinistin Gerlinde Kaltenbrunner
Bild: Messe München GmbH

Zum Abschluss: Was ist Ihr persönlich größter Wunsch an die gesamte Sportbranche?
Dass wir es schaffen, den professionellen Sport zu reinigen von allen Complianceverstößen, Bestechung und Betrug. Wir erleben gerade eine Entwicklung im Hochleistungssport, die die gesamte Sportbewegung schädigen kann. Deshalb habe ich mich persönlich sehr über das mutige Statement von Frank Dassler, Präsident des Weltverbandes der Sportartikelindustrie, gefreut, der auf der ISPO MUNICH 2016 gesagt hat: „Keine Toleranz für Doping, Spielbetrug oder Korruption.“ 


(Mitarbeit: Gunnar Jans)

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Ein Beitrag von Karsten Lohmeyer, Chief Content Officer
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