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 „Wer hier stürzt, kann tot sein“
Wintersport | 07.04.2016

Erfinder des härtesten Wintersport-Events

Freeride-Pionier: „Wer hier stürzt, kann tot sein“

„Wer hier stürzt, kann tot sein“. Nicolas Hale-Woods ist der Erfinder der Freeride World Tour (Quelle: FWT)
Nicolas Hale-Woods ist der Erfinder der Freeride World Tour
Bild: FWT
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Vor 21 Jahren erfand Nicolas Hale-Woods (48), halb Schweizer, halb Engländer, das Adrenalin-Spektakel „Verbier Xtreme“, bei dem sich die weltbesten Snowboarder über Cliffs und Felsen einen wahnwitzig steilen Berg hinab stürzten. Ein paar Jahre später kamen Skifahrer und auch weibliche Athleten (lesen Sie hier: ein Interview mit Freeride-Weltmeisterin Eva Walkner) dazu – die Freeride World Tour mit mehreren Stopps in Europa und den USA war geboren. Demnächst soll Japan dazukommen. Ein Gespräch über Wellenreiten in Indonesien, das Schweizer Armeemesser und seine Großmutter.

ISPO.com: Monsieur Hale-Woods, Sie sind am Neuenburgersee aufgewachsen. Der liegt 430 Meter über dem Meeresspiegel. Wie sind Sie zum Erfinder des senkrechtesten Ski- und Snowboard-Wettbewerbs der Welt geworden?
Nicolas Hale-Woods: Ich habe in Verbier Skifahren gelernt, war jedes Wochenende da, habe als Student hier gelebt – und heute bin ich immer noch da. Alles wegen meiner Oma.

Ihrer Oma?
Ja, Großmutter Paulette hat mir als kleiner Junge das Skifahren beigebracht. An einen Tag erinnere ich mich besonders gut: Ich war ungefähr elf, als sie mich auf den Mont Gelé mitnahm. Das war das Offpiste-Revier schlechthin. Super Schneeverhältnisse, Pulverschnee, wir sind den ganzen Berg bis runter zu ihrem Chalet gefahren. Oma Paulette war super fit, fuhr klasse Ski. Das war im April. Im September starb sie an Leukämie, mit 63. Das war hart. Aber sie hatte mich mit diesem Freeride-Virus angesteckt. Seitdem fahre ich eigentlich nicht mehr auf der Piste.

Action auf der Freeride World Tour


Irgendwann sind Sie dann aufs Snowboard umgestiegen...
1985, mit 17, traf ich ein paar Jungs mit Snowboards, wir wurden Freunde – und plötzlich waren wir im Tiefschnee dreimal so schnell wie die Skifahrer, die damals noch auf diesen dünnen Latten fuhren. Wir dagegen hatten dieses spezielle Gefühl des Gleitens, des Dahinschwebens. Wir gründeten den Schweizer Verband der Wellenreiter – als erstes Land ohne Zugang zum Meer. 

Wo sind die gesurft?
Südafrika, Frankreich, Indonesien, Mauritius. Wir schickten sogar ein Team zu den Weltmeisterschaften – ähnlich wie die Olympia-Bobfahrer aus Jamaika. 

Haben Sie auch mitgemacht?
Einmal, 1995 bei den Europameisterschaften. 

Wie haben Sie die kostspieligen Reisen finanziert?
Wir fanden einen Sponsor: Victorinox, Hersteller des roten Schweizer Armeemessers. Unsere Snow- und Surfboards waren folglich rot, mit dem Victorinox-Logo. Das war unser erster Schritt in das Sport-Sponsoring-Business. Wir produzierten einen Film über die Parallelen zwischen Surfen und Snowboarden. Eines Tages fuhren wir den Bec des Rosses, diesen extrem steilen Berg, und hatten an der Gondelstation gegenüber einen Fotografen mit Teleobjektiv. Und plötzlich versammelten sich spontan mehr als hundert Zuschauer und sahen zu, wie wir über die Cliffs und Felsen des Bec sprangen. Da hatte ich die Idee: Wir sollten die besten Snowboarder der Welt hierher bringen, um diesen Nischen-Sport einem größeren Publikum zu zeigen! Verbier mit dem Bec des Rosses, dem coolen Nightlife und diesem Freeride-Lifestyle war das perfekte Set-up dafür. Das war 1994.


Wie ging's weiter?
Wir schickten Pläne und Vorschläge an hundert Firmen, eine davon war Red Bull Schweiz. Unser Budget war 200.000 Schweizer Franken – heute sind es 1,4 Millionen. Wir sagten zu Red Bull: 'Wenn ihr Sponsor werden wollt, kostet das 90.000.' Sie sagten: 'Okay, wir zahlen 45.000, und für die anderen 45.000 liefern wir euch Paletten von Red-Bull-Dosen in eure Garagen, die ihr dann verteilt. Wir haben nämlich keinen Vertrieb.' So entstand 1996 der erste Wettkampf: Verbier Xtreme. Heute arbeiten das ganze Jahr über 15 Leute in der Firma und während des Events mehr als 200. 

Ihr treuester Sponsor ist Swatch.
Die sind fast von Anfang an dabei, und wir verhandeln gerade wieder über die Vertragsverlängerung bis 2019. Ein wunderbarer Partner. In jedem Jahr bringen sie eine spezielle Freeride-World-Tour-Edition heraus. 

Das alles nur, weil Sie mal diesen Wahnsinns-Berg Bec des Rosses runtergefahren sind. War das Ihr erstes Mal?
Ja. Es gab schon in den 80ern ein paar Leute, die da runter sind. Aber man sieht dort nur sehr selten Spuren im Schnee. 

Wie oft sind Sie ihn schon gefahren?
50, 60 Mal. Im Schnitt zwei, drei Mal im Jahr.

Wie lange muss man aufsteigen?
Eine gute Stunde.

Auf der großen Bühne leitet Nicolas Hale-Woods die Events der Freeride World Tour. (Quelle: FWT)
Auf der großen Bühne leitet Nicolas Hale-Woods die Events der Freeride World Tour.
Bild: FWT

Was macht den Berg so besonders?
Wir haben in den letzten Jahren versucht, ähnliche Spots zu finden – aber die gibt es nicht. Das erste Drittel ist bis zu 60 Grad steil. Wer dort stürzt, hört erst 800 Meter tiefer wieder auf zu stürzen. Der Berg ist riesig, bietet somit unheimlich viele Linien, und er ist in jedem Jahr anders, so dass auch nach 20 Jahren noch neue Linien entdecken. Vom Start aus kann man die Fans auf der anderen Seite des Tals hören. Für jeden Fahrer ist es eine Erlösung, wenn er heil unten angekommen ist. Wir wussten sofort, dass wir da eine einmalige Show haben.

Die Fahrer dürfen vorab ja keine „Probefahrt“ machen, sondern nur schauen...
Am Tag vor dem Event gibt es eine Face inspection von der gegenüberliegenden Bergstation aus, mit dem Fernglas. Einige Fahrer sind aber schon ein paar Tage zuvor da und versuchen sich eine Linie zu wählen und einzuprägen. Sie schauen sich Videos der vergangenen Jahre an und sprechen mit erfahrenen Athleten – eine wunderbare Solidarität! Schließlich sind sie Gegner am Berg. 

Wie sieht es mit Verletzungen aus?
Es gab drei Stürze, die richtig schlimm hätten ausgehen können. Im Jahr 2000 brach Jerome Ruby eine seiner Snowboardbindungen, kurz unterhalb des Gipfels. Er stürzte mehrere hundert Meter tief, war bewusstlos, hatte Brüche im Gesicht und ein kaputtes Knie. Eine Österreicherin stürzte mal 200 Meter tief und brach sich einen Teil der Wirbelsäule. Und ein Bursche hier aus der Gegend fiel mal über mehrere Felsen, kam aber mit ein paar Brüchen davon. 20 Jahre, jeweils rund 30 Fahrer, macht etwa 600 Abfahrten – und nur drei schwere Verletzungen. Aber wer hier stürzt, kann auch tot sein. Da es so steil ist, verbringt man beim Sturz mehr Zeit in der Luft als am Boden. Und in einem Couloir wird man meist in die Mitte gespült, wo noch am meisten Schnee liegt. So weit die Theorie. 


Wie oft sind Sie hier gestürzt?
Einmal. Zum Glück konnte ich aber nach zwei Überschlägen bremsen. Ich wusste, dass ich schnell bremsen muss.

 

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Ein Beitrag von Thomas Becker, Autor
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