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 Weltmeisterin Eva Walkner: „Ich hasse Wettkämpfe“
Wintersport | 04.04.2016

Freeride-Star Eva Walkner

Freeride-Weltmeisterin Eva Walkner: „Ich hasse Wettkämpfe“

Ist eine der erfolgreichsten Freeriderinnen: Die Österreicherin Eva Walkner, die bereits als Sportjournalistin gearbeitet hat. (Quelle: www.evawalkner.com)
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Die Österreicherin Eva Walkner hat zum zweiten Mal den Freeride-Weltmeistertitel gewonnen. Neben ihrer Leidenschaft zum Skifahren ist die 36-Jährige im Technical Advisor Team der französischen Bergsportmarke Millet angestellt.

Nach dem Double bei der Freeride World Tour stellte sich Walkner zum Gespräch über Unterwäsche, dicke Oberschenkel und die Übelkeit vor dem Wettkampf.

ISPO.com: Frau Walkner, Gratulation zum Weltmeistertitel, dem zweiten in Folge. Wie fühlt er sich an?
Eva Walkner: Davor war das wie immer mental nicht so einfach für mich. Ich mache mich vor dem Contest immer total fertig. Beim Aufsteigen war ich wieder kurz davor, mich zu übergeben. Eigentlich hasse ich Wettkämpfe. Ich bin absolut kein Wettkampftyp. Bis halb drei habe ich kein Auge zubekommen, mir dreht es den Magen um, ich habe wacklige Knie – es ist furchtbar.

Dabei hatten Sie einen komfortablen Vorsprung in der Gesamtwertung.
Schon, aber wenn meine ärgste Konkurrentin gewinnt und ich die Ski verliere, ist der Vorsprung weg. Deshalb habe ich eine Linie gewählt, auf die ich nicht wirklich stolz bin, die ich nicht unbedingt herzeigen würde. Nix Aufregendes.

Eine Sicherheits-Linie...
Genau. Das Licht war sehr schlecht, die Bedingungen brutal schwierig: Der Schnee hat von windgepresst auf harsch gewechselt: echt schwierig zu fahren. Was mir aber zugute kam – dank der guten ÖSV-Schule (ÖSV=Österreichischer Skiverband, d.Red.). Je schlechter der Schnee, desto mehr taugt's mir. Weil ich weiß, dass sich die anderen schwer tun. Das ist meine Stärke. Und mein Ziel war kein Einzel-Resultat in Verbier, sondern der Gesamttitel.

Volle Action: Eva Walkner wechselte wegen schlimmen Verletzungen vom Skirennsport zum Freeriden und rast jetzt steile Abhänge hinunter. (Quelle: www.evawalkner.com)
Volle Action: Eva Walkner wechselte wegen schlimmen Verletzungen vom Skirennsport zum Freeriden und rast jetzt steile Abhänge hinunter.
Bild: www.evawalkner.com

Wie passt der Freiheitsgedanke der Freeride-Szene in ein Wettkampfformat?
Das Soulshredden, dieses Just-for-fun-Freeriden, hat mit der Freeride World Tour nichts zu tun. Das ist was ganz Anderes. Wenn ich mit meinen Spezln fahre, ohne Kamera, dann habe ich Spaß und gebe Gas. Aber das ist hier ist Competition, das ist Stress.

Und wo bleibt der Spaß?
Alles was vor meinem Drop-in liegt, ist kein Spaß. Aber wenn ich im Hang drin bin, ist alles super. In den letzten zwei Jahren war ich bei allen Wettkämpfen nur zweimal nicht auf dem Podium – das ist dann halt extrem geil und kompensiert den Stress.

Die Verletzungsgefahr fährt immer mit. 2007 mussten Sie fünf Rippenbrüche, eine kollabierte Lunge sowie Milz- und Nieren-Risse verarbeiten. 2012 folgten drei Knie-Operationen und eine zweijährige Pause...
...aber in meinem Comeback-Jahr habe ich gleich wieder gewonnen!

Wie wirkt sich ein Weltmeistertitel finanziell aus?
Gerade hat mein Bruder Matthias angerufen. Der ist Rallye- und auch Motocross-Weltmeister. Wir haben einen familieninternen Wettkampf, wer mehr Weltmeistertitel hat. Eben hat er gemeint: „Eva, jetzt hast du ausgesorgt!“ Aber im Ernst: Finanziell bringt mir das nichts.

Im Ernst? Nichts?
Nein. Das Preisgeld für den Weltmeistertitel beträgt null Euro. Zero. Für einen Einzelsieg gibt es 6000 Euro, und bei den beiden letzten Stopps in Alaska und Verbier je 8000 Euro. Aber von den Sponsoren gibt es mit einem solchen Titel keinen Cent mehr.


Wie viele Sponsoren haben Sie?
Viele. Was aber nicht heißt, dass ich viel Geld habe. Nach dem Weltmeistertitel im vergangenen Jahr hat mir niemand die Tür eingerannt. Ich habe viele Material-Sponsoren, was mir viel wert ist. Weil es einfach super ist, wenn du die beste Ski-Unterwäsche und die geilsten Karabiner bekommst. Das ist so cool: Du gehst ins Internet, holst dir die Kataloge von zehn Sponsoren und bestellst einfach mal für 3000, 4000 Euro! Und dann flattern die Packerl nur so! Ich bin ja eine Frau – wie geil ist das wohl für uns?! Es muss nicht immer Geld sein.

Können Sie vom Freeriden leben?
Das schon. Die Sponsoren unterstützen mich so, dass ich im Winter reisen und im Sommer trainieren kann. Dafür bin ich aber auch meine eigene PR-Frau für die Homepage oder meine Facebookseite.

Verdienen die Männer besser?
Ich glaube, es gibt einige, die 100.000 plus verdienen. Es entwickelt sich dahin, dass sich das Geld auf einige wenige konzentriert. Aber viele richtig gute Jungs und Mädels müssen im Sommer arbeiten gehen.

Immer lässig auf der Piste: Eva Walkner bestellt pro Saison für 3000 Euro neue Ski-Klamotten. (Quelle: www.evawalkner.com)
Immer lässig auf der Piste: Eva Walkner bestellt pro Saison für 3000 Euro neue Ski-Klamotten.
Bild: www.evawalkner.com

Wie sieht Ihr Sommertraining aus?
Ich bin viel in den Bergen, beim Klettern und Biken. Aber auch drei, vier Mal pro Woche in der Kraftkammer: ganz fad, langweilig, steril und steif Kniebeugen machen. Aber wenn ich da nicht tun würde, würde ich jetzt nicht hier stehen und winken. Meine starken Beine und mein fitter Körper sind Teil meines Erfolges.

Wie sind Sie zum Freeriden gekommen?
Ich war lange Rennläuferin beim ÖSV, bin im Slalom Europacup und ein Jahr lang auch Weltcup in der Nationalmannschaft gefahren, hatte aber immer Verletzungen: Kreuzbandriss, gebrochene Schulter, kaputtes Sprunggelenk. Irgendwann habe ich keine Chance mehr bekommen.

Wie ging's danach weiter?
Mit einer Ausbildung zur Sportjournalistin. Ich war drei Jahre beim TV-Sender Premiere – in der Fußballredaktion: Austria, Rapid, Interviews mit den Trainern und so. Ich wollte einfach nicht mehr Skifahren. Dein ganzes Leben seit du drei bis, auf dieses Ziel hinarbeiten – und das ist dann vom einen auf den anderen Tag weg, mit 23. Das war schon eine heftige Zeit.

Und wie sind Sie dann doch wieder auf Skiern gelandet?
In der Fußballpause bin ich beim Skifahren mit diesen breiten Freeride-Skiern in Berührung gekommen – als Ex-Rennfahrerin. Ich wusste direkt: Das ist es! Bei meinem ersten Contest bin ich gleich Zweite geworden – noch in meinem Rennläufer-Outfit - und dachte mir: Wenn ich ohne Erfahrung gleich Zweite werde, dann könnte da ja was gehen...


Hier in Verbier starten die Männer vom Gipfel des berüchtigten Bec des Rosses, die Frauen ein paar hundert Meter weiter unten vom Petit Bec, der Kleinen Spitze. Würden Sie lieber auch von oben starten?
Ich würde den Bec des Rosses gern mal fahren – aber nicht im Wettkampf. Ich glaube, dass die wenigsten Mädels die Oberschenkel hätten, diesen Berg komplett durchzufahren. Dann lieber eine kurze Strecke, fast genauso steil und exponiert, auf der wir Frauen zeigen können, was wir drauf haben. So ehrlich muss man sein: Wir sind vom Level her einfach nicht so gut wie die Jungs. Wir haben nicht die Power.

Lesen Sie hier ein Interview mit Freerider Bene Mayr: „Ich suche die Angst“

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Ein Beitrag von Thomas Becker, Autor
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