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 Sie stürzte 800 Meter tief – und überlebte
Outdoor | 24.03.2016

Absturz über 800 Meter auf Skitour

Gela Allmann über ihren Absturz: „Ey Mädel, entspann dich! Du hast so viel Glück gehabt!“

Gela Allmann überlebt einen Sturz 800 m in die Tiefe. Jetzt schaut sie positiv in die Zukunft. (Quelle: Martin Erd)
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Bei einem Fotoshooting auf Island stürzt die Bergsportlerin Gela Allmann im April 2014 ab: 800 Höhenmeter tief, über Eis, Fels und Schnee. Sie überlebt schwerverletzt. An diesem Tag dreht sich ihr Leben um 180 Grad.

Mit Unterstützung von Freunden, Familie, Ärzten und Physiotherapeuten, angetrieben von unbändigem Willen kämpft sie sich zurück ins Leben, hat stets ein Ziel vor Augen: Sie will zurück auf die Gipfel dieser Welt. ISPO.com sprach mit der 31-Jährigen aus Grasbrunn bei München.

Frau Allmann, das Wichtigste zuerst: Wie geht es Ihnen?
Gela Allmann: Heute geht es mir gut. Ich habe es leider nicht in die Berge geschafft, weil gerade so viel Rummel ist. Ich war heute beim Physiotherapeuten, und da es mir gestern nicht so gut ging, hat der mir heute sehr geholfen.
 
Das heißt, es gibt immer noch Höhen und Tiefen...
Auf jeden Fall. Mir fehlen ja im rechten Knie immer noch drei Bänder: die beiden Kreuzbänder und das Außenband. Außerdem habe ich keinen Meniskus mehr und einen recht kaputten Knorpel. Und mein Nerv ist auch noch nicht ganz zurück.
 
Was haben Sie dann überhaupt noch im Knie?
Nicht mehr viel. Man kennt das ja, wenn nur ein Band fehlt. Das Knie ist noch eine große Baustelle. Dafür muss ich einfach jeden Tag etwas tun. Es geht schon wieder so viel, ich bin auch total dankbar und happy, aber ich habe schon noch einen Weg vor mir. Ich bin noch nicht fertig. Ich bin ein super optimistischer Mensch. Viele denken bestimmt, mir geht’s schon wieder richtig gut, weil ich schon wieder sehr viel machen kann – und ich mache halt auch einfach!

„Ich bin unglaublich dankbar, dass ich auf Tourenskiern wieder Gipfel besteigen kann", sagt Gela Allmann. (Quelle: Martin Erd)
„Ich bin unglaublich dankbar, dass ich auf Tourenskiern wieder Gipfel besteigen kann", sagt Gela Allmann.
Bild: Martin Erd

Ihr Knie müssen Sie nochmal erklären: keine Kreuzbänder, kein Außenband – wo sind die hin?
Ab! Ich hatte ja einen Nervenabriss oberhalb des Knies. Da wurde dann der Nerv transplantiert. Der wächst jetzt auch zum Glück, die Transplantation schlägt langsam richtig an. Das ist derzeit mein Haupttraining: schauen, dass der Nerv sich komplett erholt und ich ihn gedanklich ganz bewusst ansteuere. Doch da ein Nerv sehr, sehr sensibel ist, gehen wir die Baustelle mit den Bändern erst an, wenn der Nerv sich erholt hat, wenn wir wissen, welches unsere Ausgangsposition für das Knie ist. Jede weitere OP bedeutet derzeit nur wieder ein Trauma für den wachsenden Nerv. Am Ende ist ein komplett regenerierter Nerv die Grundvoraussetzung für den Erfolg der weiteren OPs. Wir sind also noch mittendrin im Wiederherstellungsprozess.
 
Wie steuert man seinen Knie-Nerv an?
Mit ganz viel Gedankentraining und Vorstellungskraft, mit der Hilfe von guten Physiotherapeuten, mit speziellen Geräten, Elektrotherapie, sensorischen Reizen jeder Art, mit Heiß/Kalt-Therapie. Ich mache sehr viele Übungen, bei denen ich mir vorstelle, dass ich den Nerv hoch ziehe und somit die Rezeptoren anrege, damit der Nerv wieder weiß, wo er hin muss, damit er wieder anfängt richtig zu arbeiten.
 
Und das nach allem, was Sie schon hinter sich haben: neun OPs! Wie sieht Ihr Reha-Programm aus?
Meine Beinmuskulatur ist gerade besonders wichtig, weil ich ja links im Knie keine Bänder habe, die dieses stabil halten. Die Oberschenkelmuskulatur war ja auch teilweise abgerissen und muss wieder ordentlich getrimmt werden. Vor allem auf der Beinrückseite tue ich mir mit der Ansteuerung dieser noch richtig schwer. Durch den kaputten Nerv ist mein Gangbild auch noch nicht ganz rund, und ich muss viel Rumpftraining machen, um die ganzen Dysbalancen bestmöglich auszugleichen.
 
Klingt nach einem Fulltime-Job.
Ich bin drei Mal pro Woche in der Reha und zwei Mal beim Physiotherapeuten, einen Tag mache ich Pause, und an den restlichen Tagen mache ich selber was, gehe auf den Berg oder so. Das tut dann vor allem meiner Psyche gut. Letztendlich ist für mich aber gerade alles Reha-Training. Am Berg achte ich darauf, dass ich viele geführte Bewegungen mache, also mit Tourenski oder dem Radl ist top. Runter dann gerne mit der Bahn! Oder Langlaufen ist auch eine gute Bewegung für mein Bein, alles, was die Muskeln aufbaut und dieses Ausgleichen stimuliert, was dem Nerv wieder sensorischen Input gibt.
 
Das heißt: auf den Berg mit Tourenskiern, nicht zu Fuß?
Im Sommer zu Fuß bergauf hiken ist gut, bergab geht von der Belastung für mein Knie leider noch nicht. In der Ebene spazieren gehen ist auch nicht so cool, sondern eher schmerzhaft. Laufen kann ich dagegen noch gar nicht, weder am Berg noch in der Ebene. Und ich war ja Bergläuferin! Skitouren-Rennlauf auf dem Niveau von früher geht natürlich derzeit auch nicht. Obwohl ich – glaube ich –schon wieder recht fix am Berg unterwegs bin. Ich kann halt keine vier, fünf Stunden mehr am Stück gehen. Wenn der Knorpel ein-zwei Stunden belastet wird, ist der runter gewirtschaftet – und dann tut's weh.
 
Bislang haben wir von Ihrem Körper gesprochen. Wie geht es Ihrem Kopf, Ihrer Psyche?
Mein Kopf macht das super mit. Der schaut immer schön nach vorn. Ich habe totales Glück, dass ich ein extrem positiver Mensch bin und ganz oft das Positive sehen kann: dass ich den Unfall überhaupt überlebt habe und dass es so positiv weiter gegangen ist. Mir wurden ja am Anfang ganz andere Prognosen gestellt! Natürlich gibt es auch mal Tage oder zusammenhängende Tage, aber keine Wochen, wo ich nicht so cool drauf bin und das Knie wieder richtig weh tut. Aber ich sage mir dann: 'Ey Mädel, entspann dich! Du hast so viel Glück gehabt. Du bist schon so weit. Du darfst dich halt nicht mehr mit einem gesunden Sportler vergleichen.'
 
Motivieren Sie sich selbst oder haben Sie auch professionelle Hilfe?
Ich habe ein super gutes Team um mich: Freunde, Familie, Physiotherapeuten und Ärzte, die immer einen coolen Spruch drauf haben, wenn es mal nicht so gut geht.



Keinen Psychotherapeuten?
Nicht mehr, die hatte ich am Anfang mal, die ersten sechs Monate. Da ging es eher um Trauma-Bewältigung. Darum, diese Bilder mal aus dem Kopf zu bekommen.
 
Und? Sind die Bilder vom Sturz jetzt weg?

Die sind im Alltag weg, ja. Sie kommen höchstens noch in einer ganz expliziten Situation: wenn zum Beispiel im Steilhang einer aus der Skitouren-Gruppe ins Rutschen gerät. 

Ist der 3. April, der Tag des Unfalls, ein besonderer Tag geblieben?
Klar, der Tag hat mein Leben verändert. Der Tag, an dem ich fast gestorben wäre. Aber auch der Tag, an dem ich überlebt habe.

 
Was werden Sie an diesem Tag tun?
Weiß ich noch nicht. Ich hoffe, ich darf ihn mit meinem Mann, mit Freunden und Familie verbringen. Vielleicht aber auch mit mir alleine, vielleicht am Berg, vielleicht eine Mischung aus allem. Das lasse ich jetzt mal kommen. Ich plane immer alles extrem spontan. Bislang habe ich mir an dem Tag mal freigenommen.
 
Haben Sie das Bedürfnis, nochmal nach Island zu fahren?
Da möchte ich schon nochmal hin. Ich fand die Leute mega cool, das Land ist toll – das kann ja nichts dafür, dass ich da runtergefallen bin. Ich würde gern den Leuten danke sagen, die mir geholfen haben. Ich habe noch Kontakt zu dem Bergretter und den Krankenschwestern vor Ort. Ich möchte da gerne nochmal hin, ja!
 
Auch an die Unfallstelle?
Ich glaube nicht, dass ich unbedingt genau da nochmal hin muss.
 
Sie müssen ja auch auf Lesereise mit dem Buch, das Sie über Ihre Geschichte geschrieben haben: 'Sturz in die Tiefe'. Ihre Lesungen sind meist ausverkauft...
Ich bin schwer begeistert: so viel ehrliches, schönes Feedback! Schön, dass ich damit ein paar Menschen inspirieren und berühren kann! Genau das ist mein Ziel. Das bestärkt mich in meinem Entschluss, auf diese Weise mit dem Unfall umzugehen. Coole Sache! Es ist halt kein reines Bergbuch, sondern gibt sehr ehrliche Einblicke in mein Gefühlsleben. Jeder Mensch ist irgendwann mal ganz unten im Leben, egal ob im Job, privat oder durch einen Unfall. Jeder Mensch kennt wohl Rückschläge und Niederlagen, und deswegen spricht das Buch sehr viele Leute an.
 

Das Buchcover zu „Sturz in die Tiefe" von Gela Allmann (Quelle: Piper Verlag)
Das Buchcover zu „Sturz in die Tiefe" von Gela Allmann
Bild: Piper Verlag


Mit Ihrer Geschichte sind Sie jetzt auch die prädestinierte Motivationstrainerin.
Da habe ich auf jeden Fall wahnsinnig Lust drauf! Wenn dieser Unfall irgendetwas Gutes gehabt haben sollte, dann dass ich meine Erfahrungen so nun weitergeben kann. Wenn meine Geschichte Menschen hilft, macht das alles wieder Sinn. Nach so einem Unfall möchte man auch nur noch Dinge tun, die wirklich Sinn machen.
 
Wie sehen Sie Ihre Zukunft?
Ich habe gemerkt: Man kann das Leben nicht planen. Ich lasse das weiter passieren und nehme das an, was auf mich zukommt. Wichtig ist jetzt, die richtigen Entscheidungen für das Bein zu treffen. Der Rest ergibt sich dann von alleine. 

Film und Vortrag von Angelika Allmann: Freitag, 22. April, 19.30 Uhr in Schliersee, Eintritt 9 Euro, www.vitalwelt-schliersee.de, Vorverkauf ab 14.3. in der Bücheroase Schliersee und Sport Schachenmeier in Miesbach, Infos zum Kartenverkauf auch unter: www.dav-schliersee.de

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Ein Beitrag von Thomas Becker, Autor
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