ISPO.com is also available in English ×
 Freerider Bene Mayr: „Ich suche die Angst“
Action-Sports | 15.03.2016

Aus Slopestyle wurde Freeriding

Freerider Bene Mayr: „Ich suche die Angst“

Freerider Bene Mayr auf der Freeride World Tour: Spektakuläre Abfahrten auf den verrücktesten Hängen. (Quelle: Red Bull Contentpool)
Video bewerten:
Der Freerider Bene Mayr ist Quereinsteiger bei der Freeride World Tour (FWT), zudem betreibt er eine Bar und ist Miteigentümer im Tattoo-Studio von Rapper Sido. Mayr zählt zu den besten Freeridern der Welt, das hat er bereits 2014 bei den Olympischen Spielen in Sotschi im Slopestyle eindrucksvoll bewiesen.

Mit ISPO.com spricht Bene Mayr über Mut und Angst beim Freeriden, seine Nebenverdienste und seine Pläne für Olympia 2018.

Herr Mayr, wo haben Sie das Skifahren gelernt?
Bene Mayr: Ich bin halber Österreicher, habe einen deutschen und einen österreichischen Pass. Mein Papa ist in Linz geboren. Meine Mama kommt aus dem Chiemgau. Aufgewachsen bin ich in Innsbruck. Meine Eltern hatten über viele Jahre eine Hütte im Zillertal, wo ich als Kind tagein, tagaus auf Ski stand.

Sie hätten als Skisportler theoretisch auch beim ÖSV landen können?
Ich hatte das sogar einmal in Erwägung gezogen und vor den Olympischen Spielen 2014 den ÖSV angeschrieben. Allerdings haben mir die Österreicher nie geantwortet. Als ich den DSV kontaktierte, ging alles sehr schnell. Es hat auf Anhieb gepasst.

Der gebürtige Münchner Bene Mayr hätte auch für Österreich starten können, da sein Vater aus Linz stammt: Trotzdem entschied er sich für den Deutschen Skiverband. (Quelle: Red Bull Contentpool)
Der gebürtige Münchner Bene Mayr hätte auch für Österreich starten können, da sein Vater aus Linz stammt: Trotzdem entschied er sich für den Deutschen Skiverband.
Bild: Red Bull Contentpool

Freeriden, Kneipe und Tattoo-Studio

Sie sind Teilhaber eines Tattoo-Studios und einer Bar in München, eröffneten einen Concept Store in Innsbruck, haben eine eigene Filmproduktion, sind Olympia-Teilnehmer in der Disziplin Slopestyle, starten jetzt bei der Freeride World Tour 2016. Sind Sie so vielseitig oder auf der Suche nach dem richtigen Weg?
Ich bin gerne selbständig – im Sinne von unabhängig. Sollte ich mich beim Skifahren einmal schwer verletzen, von heute auf morgen meinen Sport nicht mehr ausüben können, hätte ich trotzdem mein Auskommen. Dadurch bin ich freier im Kopf. Und weil das so ist, habe ich mehr Spaß am Skifahren und kann bessere Leistung bringen.

Zapfen Sie in Ihrer Bar „Schorsch“ in München auch selbst Bier?
Natürlich. Wenn ich vor Ort bin, stehe ich gerne hinterm Tresen und schmeiß den Laden. Und wenn ich in Innsbruck im Concept Store stehe, verkaufe ich eben Ski. Ich bin kein stiller, sondern aktiver Teilhaber.

Das ist Bene Mayr in Action


2014 starteten Sie in Sotschi in der Disziplin Slopestyle. Diesen Winter sieht man Sie auf der Freeride World Tour. Wie kam’s?
Nach ein paar Verletzungen habe ich die Freude am Parkfahren verloren, weil mich ständig Schmerzen plagten. Im Gelände war ich immer schon viel und gerne unterwegs. Außerdem liebe ich Contests. Ich bin ein Wettkampftyp, der sich gerne pusht und mit der Konkurrenz misst. Ich wollte immer schon alle großen Wettkämpfe bestreiten, die das Skifahren bietet. Die Freeride World Tour hat mir bisher noch gefehlt. Sie gehört aber dazu, wenn man ein guter Allrounder sein will. Für mich persönlich ist die Teilnahme daher ein logischer Step. Allerdings hatte ich keinen blassen Schimmer davon, wie man sich eigentlich dafür qualifiziert. Also hab ich mich in der Szene umgehört.

Und dann schickt Ihnen der Veranstalter eine Wildcard zu?
(lacht) So in etwa war das.

Was sagen wohl Freerider dazu, die an der Qualifikation zur FWT scheitern? Stehen Sie jetzt unter besonderer Beobachtung innerhalb der Szene?
Definitiv. Das fanden anfangs sicher einige nicht so toll. Da kommt einer aus dem Park daher und kriegt einfach so einen Freifahrtschein für die FWT. Daher will ich unbedingt beweisen, dass ich diese Wildcard verdient habe. Mein vierter Platz in Chamonix hat mir dabei schon sehr geholfen. Mit meinem Abschneiden in Fieberbrunn auf Platz 11 bin ich zwar nicht ganz zufrieden, aber das Ergebnis reichte als Qualifikation für den nächsten Tourstopp in Alaska und das Finale in Verbier. Ich bin auf der Tour angekommen und fühle mich mittlerweile angenommen und sehr wohl.


Beim Freeriden kann man den Lauf nicht üben

Planen Sie die Olympischen Spiele 2018 wieder ein?
Nein. Im Slopestyle definitiv nicht. Wäre Freeriden, so wie wir es bei der Freeride World Tour praktizieren, eine Olympische Disziplin, würde ich jedoch alles dafür geben. Die Olympischen Spiele waren ein Highlight für mich als Sportler.

Künstliche Hindernisse im Park, jetzt natürliche Hindernisse bei der FWT. Was liegt Ihnen mehr?
Beides macht mir Spaß. Wenn du aber ernsthaft Park oder Slopestyle trainierst, ist die Belastung enorm. Dann machst du in einem Training zehn Runs und springst je drei Kicker, machst also 30 Sprünge am Tag. Drei Tage hintereinander, sind 90 Sprünge. Ein Tag Pause, dann ein Tag Wettkampf. Und das den ganzen Winter lang. Das geht voll auf die Knochen.

Erfordert die Teilnahme an der Freeride World Tour ein gezieltes Training?
Die Sprünge, die ich in meine Runs einbauen möchte, probiere ich natürlich regelmäßig an verschiedenen Absprüngen aus. Aber grundsätzlich gibt es kein gezieltes Training (lacht). Ich gehe momentan einfach sauviel zum Skifahren. Obwohl: Ich begebe mich derzeit regelmäßig bewusst in Situationen, die mir beim Skifahren Angst machen.

Das müssen Sie genauer erklären.
Ich suche Situationen, die mir im Gelände ungewohnt sind, vor denen ich Respekt habe. Bei der Freeride World Tour kommst du in der Steilwand ja auch ständig in eine völlig neue Lage. Seinen Run vorher üben kann man schließlich nicht. Du entscheidest dich zwar für eine Linie, aber wie sich die final anfühlt, merkst du erst, wenn du mittendrin steckst.


Haben Sie sich schon einer Angst-Situation gestellt?
Durchaus. Wenn das Wetter schlecht war und die Sicht entsprechend beschissen, siehst du ein Cliff, einen möglichen Sprung und denkst dir: Bei der Sicht nicht wirklich ratsam. Ich bin trotzdem gesprungen. Beim vierten Mal war’s eine Gaudi. Das stärkt das Selbstbewusstsein und die Routine.

„Ab und an trinke ich ein Gesellschafts-Bier“

Geht man kurz vor dem Wettkampf mit Kollegen von der FWT, die ja streng genommen Konkurrenten sind, zum Freeriden oder verbietet sich das?
Klar sind wir zusammen im Gelände.

Für Außenstehende kaum vorstellbar, sich auf Ski eine Steilwand hinabzustürzen, aber geradezu unvorstellbar, mit Vollgas auf einen riesengroßen Kicker zuzufahren. Was kostet mehr Überwindung?
Eine Steilwand runterzufahren, ist für Außenstehende eher greifbar, weil man zumindest gelegentlich Boden unter den Füßen hat. Beim Kicker hebst du komplett ab und fliegst durch die Luft. Beides erfordert Mut und beides ist, wenn man es nicht beherrscht, richtig gefährlich.


Freeridern eilt das Image der Partylöwen voraus. 
Wir sind in erster Linie Sportler. Mag sein, dass ein paar ganz junge Teilnehmer auch mal ausgehen, aber alles bleibt im Rahmen. Ich für meinen Teil war gestern früh im Bett, heute beim Skifahren, dann im Fitness, im Anschluss in der Sauna und fand dazwischen sogar Zeit für einen Mittagsschlaf. Während der Saison trinke ich ab und an ein Gesellschafts-Bier. Wir sind Athleten. Ich kenne keinen, der sich beim Ausgehen abschießt.

Lesen Sie hier: Ein Portrait von Freeride-Star Bene Mayr

Genau erklärt: Das ist die Freeride World Tour

Kommentare
Johanna Stöckl (Quelle: Johanna Stöckl)
Ein Beitrag von Johanna Stöckl, Autorin
Top Themen
ISPO Newsletter
ISPO Newsletter
Jetzt anmelden
Social Media