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 „Freerider sind ziemlich auf sich alleine gestellt“
Wintersport | 22.02.2016

Einziger deutscher Snowboarder auf der Freeride World Tour

„Freerider sind ziemlich auf sich alleine gestellt“

„Freerider sind ziemlich auf sich alleine gestellt“. Johannes Schnitzer am Start der Freeride-World-Tour (Quelle: Peter Lienert)
Johannes Schnitzer am Start der Freeride-World-Tour.
Bild: Peter Lienert
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Der 33-jährige Franke Johannes Schnitzer hat sich seit sechs Jahren voll und ganz dem Snowboarden verschrieben und verbringt die Wintermonate ausschließlich in den Bergen. Durch gute Ergebnisse bei den Freeride World Qualifier Wettbewerben 2015 konnte er sich zum zweiten Mal für die Teilnahme an der Freeride World Tour 2016 qualifizieren. Bei ISPO.com spricht er über Ziele und Probleme. 

An der Freeride World Tour nehmen 27 Skifahrer, 14 Snowboarder, 14 Skifahrerinnen und 7 Snowboarderinnen teil. In allen vier Kategorien finden vier Tourstopps statt, bevor beim großen Finale in Verbier die Weltmeisterinnen und Weltmeister gekrönt werden.

Im Interview mit ISPO.com spricht Johannes Schnitzer über seine Leidenschaft fürs Freeriden, die Sicherheit von Freeride-Wettbewerben und wie er mit dem ständig präsenten Risiko von möglichen Lawinenabgängen umgeht.

Wie und wo haben Sie das Snowboarden gelernt?
Ich habe mich im Winter 97/98 bei einem Snowboardkurs am Katschberg angemeldet. Leider ist der Snowboardlehrer kurzfristig krank geworden, somit musste ich es mir selber beibringen und bin einfach meinen Skifreunden so gut es ging nachgefahren.

Was macht heute für Sie die Faszination Snowboarden aus?
Snowboarden bedeutet für mich eine unglaubliche Freiheit in Verbindung mit viel Leidenschaft.

Gab es Vorbilder, zu denen Sie als junger Snowboarder aufgeschaut haben?
Ich komme aus einem kleinen Dorf im Norden von Bayern. Meine Kindheit prägte eher der Fußball als das Snowboarden. Ich habe das Snowboarden ja erst mit 15 Jahren gelernt und mich so erst relativ spät mit der Materie beschäftigt. Die Berge und das Freeriden faszinierten mich aber schon damals wesentlich stärker als spezielle Fahrer.

Johannes Schnitzer (Quelle: Peter Lienert)
Johannes Schnitzer snowboardet seit 1997.
Bild: Peter Lienert

Was hat Sie motiviert, an Snowboard-Wettkämpfen teilzunehmen?
Wenn man den ganzen Winter Zeit fürs Snowboarden hat, ist es wichtig, einen Plan zu haben, der einen motiviert um das Bestmögliche aus seinen Fähigkeiten herauszuholen. Mein Plan waren die Freeridecontests.

Was war der erste Wettkampf, an dem Sie teilgenommen haben?
Mein erster richtiger Wettkampf im Bereich Freeride war 2010 in Gressoney, Italien. Ich hab zwar schon davor den ein oder anderen Wettkampf bestritten, aber bei denen ging es immer nur um Geschwindigkeit, das heißt: Wer zuerst unten ist, gewinnt.

„Die beste Ausrüstung nützt nichts, wenn man nicht damit umgehen kann“

Wann ist aus dem Hobby Snowboarden ein Beruf geworden?
Ich sehe Snowboarden auch heute nicht als meinen Beruf an und möchte das eigentlich auch nicht. Ich trainiere zwar sehr viel und fahre in der „höchsten Liga“ im Bereich Freeride, aber im Sommer geh ich ganz normal meiner Arbeit als Zimmerer nach.

Das heißt, sie können nicht das ganze Jahr allein vom Snowboarden leben?
Nein, das kann ich nicht. Ich habe sehr gute Materialsponsoren, mit denen ich sehr zufrieden bin. Es ist aber sehr schwierig, Firmen zu finden, die einen finanziell entsprechend unterstützen können. Freerider sind ziemlich auf sich alleine gestellt. Man hat auch keinen großen Verband hinter sich, der einen unterstützt.


Wie sieht denn ein „normaler“ Tagesablauf im Winter bei Ihnen aus?
Ich stehe um sieben Uhr auf, frühstücke, mache ein bisschen Stretching, checke den Lawinenlagebericht und das Wetter. Anschließend nehme ich den Skibus nach Andermatt zur Gondel auf den Gemsstock. Je nach Schneeverhältnissen und Wetter bin ich dann den ganzen Tag mit dem Snowboard im Gelände unterwegs. Am Abend stehen noch ein paar Übungen an, Abendessen, danach ein bisschen lesen oder im Internet surfen und dann falle ich meist müde ins Bett. Das hört sich nicht vielleicht nicht besonders spektakulär an, aber so in etwa läuft ein ganz normaler Tag bei mir ab.

Freeriden und Sicherheit gehören unmittelbar zusammen. Wie minimieren Sie das Risiko beim Snowboarden im freien Gelände?
Bevor ich auf den Berg gehe, schau ich mir den Lawinenlagebericht und den Wetterbericht ausführlich an. Dabei bekomme ich schon mal einen guten Einblick, welche Bedingungen mich auf dem Berg erwarten. Außerdem habe ich immer meine Lawinen Notfall Ausrüstung dabei (LVS, Schaufel, Sonde, Airbag Rucksack). Die beste Ausrüstung nützt aber leider nichts, wenn man alleine unterwegs ist oder nicht damit umgehen kann. Deswegen bin ich immer mit Freunden am Berg, denen ich vertraue. Da meine Freunde auch mir vertrauen, trainiere ich regelmäßig die Verschüttetensuche und setze mich mit der Lawinenkunde auseinander, um kritische Momente rechtzeitig zu erkennen und im Notfall richtig zu handeln.

Hatten Sie selbst schon einmal eine gefährliche Situation wie zum Beispiel einen Lawinenabgang erlebt?
Glücklicherweise habe ich noch nie einen kritischen Lawinenabgang hautnah miterlebt.

Ist es nicht ein Widerspruch an sich, dass Freerider – die ja ihr Glück beim Befahren von unberührten Hängen suchen – sich in einem Wettbewerb wie der Freeride World Tour messen?
Für mich bedeutet Freeriden nicht unbedingt immer perfekte Bilderbuch-Bedingungen. Ich liebe es genauso, bei schlechten Verhältnissen unterwegs zu sein und meinen Fahrstil dementsprechend anzupassen. Wettkämpfe sind eine Facette von vielen und eher eine Herausforderung, auf die ich gezielt trainiere.

Johannes Schnitzer beim Powderturn (Quelle: Petra Schwarz)
Johannes Schnitzer beim Powderturn
Bild: Petra Schwarz

Wie wird gewährleistet, dass die Wettkämpfe der Freeride World Tour unter sicheren Bedingungen stattfinden?
Die Wettkampfhänge werden den ganzen Winter schon von den Skigebieten beobachtet und bei schlechtem Schneedeckenaufbau rechtzeitig gesprengt. Letztendlich entscheiden aber die Verantwortlich der Tour zusammen mit Bergführern und dem Skigebiet erst kurz vor dem Contest, welcher Hang befahren wird.
Wir als Fahrer müssen auch am Contest-Tag mit der Lawinen-Notfall-Ausrüstung unterwegs sein. Außerdem bekommen wir immer wieder Schulungen von Bergführern, bei denen wir immer wieder die wichtigsten Sachen lernen. 

„Nutzt die Möglichkeit, bei Freeride- und Lawinencamps teilzunehmen“

Wie läuft die bisherige Freeride World Tour Saison für Sie?
Bis jetzt noch nicht optimal. Beim ersten Contest in Andorra hatte ich leider bei meinem ersten Sprung schwierige Schneeverhältnisse in der Landung und daraus resultierend einen kleinen Sturz.
Zwei Wochen später erwischte ich einen sehr guten Run in Chamonix, verpasste aber ein Feature. In der Gesamtwertung bin ich jetzt auf dem 9. Platz. Somit brauche ich noch eine Top Platzierung beim nächsten FWT Stopp in Fieberbrunn am 6.3.2016. Denn nach diesem Event dürfen nur die besten sieben Snowboarder zum nächsten Stopp nach Alaska reisen.

Was haben Sie sich noch bis zum Ende dieser Saison vorgenommen?
Das hängt jetzt erst mal noch sehr davon ab, ob ich mit nach Alaska darf und dementsprechend mehr oder weniger Zeit zur Verfügung habe. Auf jeden Fall hoffe ich auf gute Bedingungen hier in Andermatt, da ich noch etliche Projekte hier habe. Außerdem werde ich noch mit der Filmcrew von Freeriderslife zum Filmen gehen.


Filmprojekte sind ja neben Wettkämpfen für viele Freerider ein zweiter Schwerpunkt. An welchem Film arbeiten Sie da gerade?
Unser nächster Film wird über zwei Wintersaisonen produziert. Das heißt, wir haben noch ein bisschen Zeit. Genaueres darf ich auch noch nicht verraten.

Wann und wo wird der fertige Film zu sehen sein?
Unser aktueller Film „Triangle“ war im Herbst auf verschiedenen Outdoorfilmfestivals zu sehen, wie zum Beispiel auf der Alp-Con Cinematour. Den kompletten Film kann man demnächst auf Vimeo und auf unserer Website anschauen. Auch mit dem neuen Film wollen wir dann auf den Film Festivals präsent sein.

Welche Tipps haben Sie als Freeride-Profi für junge Snowboarder, die auch von einem Leben als Profi-Freerider träumen?
Fangt erst mal klein an und schaut, dass ihr sicher im Gelände unterwegs seid. Nutzt die Möglichkeit, bei Freeride- und Lawinencamps teilzunehmen, um so viel wie möglich über Berge und Schnee zu lernen. Mittlerweile werden zahlreiche Camps angeboten, wie zum Beispiel von Mountain Action, die auch den einzigen Freeride Junior Contest in Deutschland (Allgäu) durchführen.

Was macht der Freerider Johannes Schnitzer im Sommer? Geht’s dann auch mal zum Powdern nach Chile und Neuseeland, um in Form zu bleiben?
Im Sommer stelle ich mein Snowboard in den Keller. Für mich ist es wichtig, ein bisschen Abstand vom Winter zu bekommen. Dafür hole ich mein Moutainbike und meine Klettersachen raus. Außerdem bin ich mit meiner Arbeit als Zimmerer im Sommer sehr eingespannt.


Steckbrief Johannes Schnitzer

Geboren am 05.11.1982 in Dettelbach
Snowboardet seit: 1997
Sponsoren: GoodboardsPicture Organic Clothing, Skiarena Andermatt Sedrun, Uvex, Flux Bindings

Aktuelle Infos zur Freeride World Tour: Rider Profile Johannes Schnitzer 

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Andi Spies (Quelle: ISPO)
Ein Beitrag von Andi Spies, Autor
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