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 Claudia Pechstein: „Ich bin oft genug verarscht worden“
Wintersport | 12.02.2016

Eisschnellläuferin Claudia Pechstein

„Ich bin oft genug verarscht worden“

Claudia Pechstein: „Ich bin oft genug verarscht worden“. Claudia Pechstein (Quelle: imago/Ernst Wukits)
Claudia Pechstein: „Warum soll ich aufhören?“
Bild: imago/Ernst Wukits
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Eisschnellläuferin Claudia Pechstein läuft immer noch in der Weltspitze mit – und das mit 43 Jahren. Im russischen Kolomna startete sie zum 15. Mal bei einer Einzel-Weltmeisterschaft. Vor ihr steht nun ein Urteil des Bundesgerichtshofs, das die Sportwelt nachhaltig verändern könnte.

Im Interview mit ISPO.com spricht Claudia Pechstein über den Rechtsstreit und ein womöglich bahnbrechendes Urteil, über Glaubwürdigkeitsdebatten und einen möglichen Job als Funktionärin.

ISPO.com: Frau Pechstein, Sie haben vor kurzem auf der ISPO MUNICH Ihren Helmhersteller Rockwell präsentiert. Sie brauchen für Ihren Sport doch gar keinen Helm.
Claudia Pechstein: Nicht für den auf dem Eis, das ist richtig. Aber wir trainieren im Sommer sehr viel auf dem Rad und auf Inlinern. Und da steht für mich die Sicherheit ganz oben auf der Liste. Jeder sollte dabei einen Helm tragen. Letztendlich hängt oft das Leben davon ab. Was mir bei Rockwell besonders gefällt: Man muss für die unterschiedlichen Sportarten nicht mehr zwei, drei Helme zu Hause haben, sondern braucht nur noch einen, bei dem man die Inlays tauscht.


In Kolomna sind Sie zum 15. Mal bei einer Einzel-Weltmeisterschaft gestartet. Sie sind inzwischen 43 Jahre alt. Wie lang wollen Sie noch fahren?

Ich möchte auf jeden Fall Olympia 2018 erleben. Hoffentlich auch erfolgreich. Mir macht es unglaublich viel Spaß, Eisschnelllauf weiter zu betreiben. Vor allem, wenn ich mich in meinem Alter trotzdem noch in der Weltspitze rumtummele. Warum soll ich da aufhören? Sport ist mein Leben. 

Pechstein: Ich wurde ohne Beweis gesperrt

Im Juli 2009 sperrte Sie der Weltverband ISU für zwei Jahre wegen Blutdopings. Dann legten Sie ein Gutachten vor, in dem Indizien für eine Blutanomalie festgehalten sind. Der internationale Sportgerichtshof CAS lehnte Ihren Einspruch gegen die Sperre trotzdem ab. Sie verklagten den Weltverband ISU auf Schadensersatz. In einem Zwischenurteil entschied das Oberlandesgericht München, dass Ihre Klage zulässig sei. Würden Sie heute noch laufen, wenn es den Skandal mit der Dopingsperre des Weltverbandes nicht gegeben hätte?
Zunächst einmal gilt es einiges klarzustellen: Die ISU hat mich ohne Beweis, also ohne positive Dopingprobe, gesperrt. Auch der Weltverband hatte nur Indizien. Mit einem großen Unterschied: Aus meinen damaligen Indizien ist mittlerweile eine konkrete medizinische Diagnose geworden. Europas führende Spezialisten unter den Hämatologen haben herausgefunden, dass mir mein Vater eine Blutanomalie vererbt hat. Diese Anomalie kann meine schwankenden Blutwerte, die der ISU genügten, um mich zu sperren, vollumfänglich erklären. Deshalb hat sich der DOSB-Präsident Alfons Hörmann auch mittlerweile im Namen des Deutschen Sports bei mir entschuldigt und mich rehabilitiert.

Also: Würden Sie ohne die Dopingsperre heute noch auf Medaillenjagd gehen?
Ob ich ohne die Sperre noch aktiv wäre, das ist schwer zusagen. Wahrscheinlich nicht. Ich würde Olympia 2018 nicht als Aktive erleben können. Andererseits wären mir die Olympischen Spiele von Vancouver 2010 nicht genommen worden. Das wären wahrscheinlich meine letzten Spiele damals gewesen. Aber wäre, wenn, hätte – das schreibe ich irgendwann mal in einem zweiten Buch nieder. 

Pechsteins Klage: Im März entscheidet der Bundesgerichtshof

Vor Ihnen steht ja nicht nur die sportliche Herausforderung. Am 8. März entscheidet der Bundesgerichtshof (BGH) darüber, ob das Urteil des Oberlandesgerichts (OLG) Münchens rechtens ist. Das OLG hatte entschieden, dass Sportler sich nicht nur an den Internationalen Sportgerichtshof wenden können, sondern auch an Zivilgerichte. Ein bahnbrechendes Urteil. Wie gehen Sie mit dieser Doppelbelastung um?
Mein Umfeld kümmert sich glücklicherweise darum. Ich kann mich voll auf das Sportliche konzentrieren. Was das OLG 2015 in München entschieden hat, ist ein sporthistorisches Urteil. Denn es gilt auch für alle anderen Sportler. Viele kamen auf mich zu und haben gesagt ‚Wahnsinn, dass du das für uns erkämpft hast’. Wir alle hoffen, dass dieses Urteil vor dem BGH standhält.

Claudia Pechstein (Quelle: Rockwell)
Pechstein: „Ohne Helm steige ich nicht aufs Fahrrad“
Bild: Rockwell

Wie stehen Ihre Chancen?
Normalerweise rechne ich immer mit dem Schlimmsten, weil ich vor Gericht inzwischen öfter mal ... – Entschuldigung für die Wortwahl, aber es ist einfach so – verarscht worden bin. Diesmal bin ich aber guter Dinge, dass der BGH die gleiche Auffassung vertritt wie das OLG und das Urteil bestätigen wird.

Damit wäre entschieden, dass Ihre Klage rechtens war, und das OLG würde sich wieder mit Ihrer Schadensersatz-Forderung beschäftigen. Wie ginge es dann weiter?
Mein Fall würde vor dem OLG in München noch einmal komplett neu aufgerollt. Und diesmal gäbe es kein Urteil auf Verdacht, sondern die ISU müsste mir Doping nachweisen. Doch das ist unmöglich, weil ich nie gedopt habe. Da habe ich jetzt schon ein Lächeln auf dem Gesicht. Wenn wir dann so weit sind, dann geht es auch um Schadensersatz.

Bekommt Pechstein Schadensersatz? „Er soll schon mal sparen“

Spielt das Thema Genugtuung eine Rolle bei Ihnen?
Ich habe schon des Öfteren seit meinem Comeback Genugtuung empfunden, wenn ich auf dem Podium stand und Vertreter des Weltverbandes mir eine Medaille umhängen mussten. Das ist für mich jedes Mal ein innerer Vorbeimarsch. Aber am Ziel bin ich erst, wenn im Namen des Volkes geurteilt wird, dass ich zu Unrecht gesperrt wurde. Das wäre das Größte. Ich weiß, dass der ISU heute klar ist, dass sie damals ein Fehlurteil gefällt hat. Nur will es niemand offiziell eingestehen.

Der ISU-Präsident Ottavio Cinquanta antwortete 2009 auf die Frage nach einer möglichen Schadenersatzklage von Ihnen: „Wer ins Restaurant geht und einen guten Wein bestellt, muss ihn auch bezahlen können.“ Was sagen Sie heute zu dieser Aussage?
Dann soll er schon mal sparen.


Es sind in der Eisschnelllaufszene nicht alle auf Ihrer Seite. Wie gehen Sie mit Ablehnung um?
Im Großen und Ganzen erfahre ich eine riesige Unterstützung. Mehr als 100 Athleten, Trainer und Betreuer aus 14 Nationen haben die ISU per Appell aufgefordert, mich zu rehabilitieren. So etwas hat es vorher noch nie geben. Es muss einfach jedem Sportler bewusst sein, dass es ihn auch hätte treffen können. Ich wurde ohne Beweis verurteilt, auf Grund eines einzigen Parameters. Und eine Blutanomalie, so oder so ähnlich wie ich sie habe, gibt es hierzulande etwa 800.000-mal. Da kann auch der eine oder andere Spitzensportler darunter sein. Für mich persönlich gilt: Ich kann mit einem reinen Gewissen in den Spiegel schauen, das ist das, was zählt. 

„Olympische Winterspiele in Peking sind ein Witz“

Ist die Situation nicht besonders schwierig, da der Sport insgesamt in einer Glaubwürdigkeitsdebatte steckt? Doping in der Leichtathletik, der Fifa-Skandal...
Als ich den ISU-Bossen 2009 öffentlich Fehler vorgeworfen habe, wurde ich nur müde belächelt. Mittlerweile kocht überall der Mist nach oben. Bei manchen Sachen konnte man sich allerdings schon seinen Teil denken, gerade bei der Fifa. Auch die Entscheidung, Olympische Winterspiele 2022 in Peking auszurichten, ist ein Witz. Was das Thema Doping angeht: Ich finde es traurig, dass es immer wieder Athleten gibt, die wirklich zu illegalen Mitteln greifen. Das macht natürlich den ganzen Sport kaputt. Ich fände es super, wenn da mal so richtig aufgeräumt würde.

Claudia Pechstein präsentiert den neuen Rockwell-Helm (Quelle: Messe München GmbH)
Claudia Pechstein am Rockwell-Stand auf der ISPO MUNICH 2016 mit den Geschäftsführern von Rockwell
Bild: Messe München GmbH

Wäre es für Sie ein Ziel, die Funktionärswelt zu ändern?
Es haben ja schon manche Sportler versucht, die Funktionärswelt zu verändern. Die meisten sind dann ganz schnell selber zum klassischen Funktionär geworden. Vielleicht ist das systembedingt. Wenn ich diesen Weg gehen würde, dann nur, wenn ich mir treu bleiben könnte. Dazu bräuchte ich natürlich Mitstreiter, die diesen Weg mitgehen. Das ist das große Problem in der Funktionärswelt.

 

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Jasper Ruppert (Quelle: ISPO)
Ein Beitrag von Jasper Ruppert, Autor
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