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 „Die Menschen waren wichtiger als die Gipfel“
ISPO-MUNICH | 04.02.2016

Laudatio bei der ISPO MUNICH 2016

Kullmann über Kaltenbrunner: „Die Menschen waren wichtiger als die Gipfel“

Bernd Kullmann war 28 Jahre Geschäftsführer beim Rucksackhersteller Deuter: Beim ISPO MUNICH VIP Dinner hielt er die Laudatio für Gerlinde Kaltenbrunner. (Quelle: Messe München GmbH)
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Gerlinde Kaltenbrunner bestieg als erste Frau alle 8000er der Welt ohne Sauerstoffgerät und rettete bei einer Besteigung sogar einem Menschen das Leben. Für diese herausragende Leistung wurde sie auf der ISPO MUNICH zur Sportpersönlichkeit des Jahres 2016 ausgezeichnet. Diese bemerkenswerte Laudatio hielt Bernd Kullmann, ehemaliger Geschäftsführer von Deuter Sport und ebenfalls profilierter Bergsteiger, beim VIP Dinner der ISPO MUNICH zu Ehren Kaltenbrunners.

„Cinderella Caterpillar – Was für ein schrecklicher Kosename für eine junge, sportliche und attraktive Frau. Cinderella, Aschenputtel, die soll ja wenigstens hübsch gewesen sein. Aber Caterpillar? Planierraupe, Bulldozer?

Kasachische Bergsteiger hatten Gerlinde Kaltenbrunner 2005 diesen Namen gegeben. Naja, was soll man von Kasachen anderes erwarten? Knallharte Burschen eben, Franzosen und Italiener verstehen es besser charmante Komplimente zu machen.

Kaltenbrunners Ziel: Alle 8000er besteigen

Ort des Geschehens der Nanga Parbat, einer der 14 8.000er. Dort spurten die Kasachen irgendwo zwischen 7.000 und 8.000 m im tiefen Schnee und dünner Luft Richtung Gipfel. Als sich einer von ihnen umdrehte, sah er ganz weit hinten einen dunklen Punkt, der ihnen in ihrer Spur nachstieg.

Klaus Dittrich, Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe München, überreicht Spitzenalpinistin Gerlinde Kaltenbrunner den ISPO Pokal als "Sportpersönlichkeit des Jahres" (Quelle: Messe München GmbH)
Klaus Dittrich, Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe München, beglückwünscht Spitzenalpinistin Gerlinde Kaltenbrunner
Bild: Messe München GmbH

Eine halbe Stunde später war dieser Punkt schon näher gekommen. Und als er sie dann eingeholt hatte, bemerkten sie, dass es eine Frau war. Und diese Frau schloss nicht nur zu ihnen auf, sie überholte sie, spurte selbst voraus und zog auch noch davon. Das hat das bergsteigerische Weltbild dieser Kasachen erschüttert.

Bulldozer war für sie ein naheliegender Vergleich, auch die bewegen sich zwar langsam aber stetig und kommen vor allem überall hoch und durch. Insofern war Cinderella Caterpillar durchaus logisch und gerechtfertigt und Ausdruck allerhöchster Anerkennung.

Der Nanga Parbat war damals Gerlindes fünfter 8.000er und danach beschloss sie, Profi-Bergsteigerin zu werden. Ein mutiger Entschluss, wenn man bedenkt, dass diese Disziplin über Jahrzehnte ausschließlich von Männern dominiert wurde.

Damit war auch das ehrgeizige Ziel klar – alle 14 8.000er sollten bestiegen werden.

Die Prominenz beim VIP Dinner


Sozial engagiert: Die Nepalhilfe Beilngries

So waren die nächsten Jahre von Reisen und Gipfeln geprägt. Zwei bis drei Expeditionen pro Jahr, Hunger, Durst, Kälte, Entbehrungen, aber auch Freude wenn ein Gipfel geklappt hatte.

Gerlinde waren dabei aber die Menschen, die sie auf ihren Expeditionen kennenlernte, wichtiger als die Gipfel. Zum einen die Expeditionskameraden, zum anderen aber auch die Einheimischen, die sie auf den oft wochenlangen Anmärschen zu den Basislagern kennenlernte.

Dabei sah sie auch die bittere Armut und das Elend der Nepalesen und Pakistani. Als ausgebildete Krankenschwester hatte sie gelernt zu helfen und helfen wollte sie auch diesen Menschen. Im fränkischen Beilngries gab es seit Jahren eine Hilfsorganisation, die Nepalhilfe Beilngries, die von einem Polizisten gegründet wurde, der ähnliche Eindrücke auf einer Trekkingtour durch Nepal hatte. 

Und mit dieser Nepalhilfe tat sich Gerlinde zusammen, dank ihrer Popularität konnten vermehrt Spenden gesammelt werden. Immer wieder hat sie auch Freunde und Sponsoringpartner ermuntert sich auch zu engagieren. Und natürlich hat sie selbst auch erhebliche Geldbeträge gestiftet. So konnte z. B. eine Schule für über 100 Kinder gebaut werden. Gerlinde wird uns sicher dazu noch ein bisschen was auf der Bühne erzählen.


Kaltenbrunner: Bergsteigen und Leben retten

Geholfen hat sie aber immer auch ihren Expeditionskameraden. Am Everest hatten sie zu dritt das letzte Lager in 8.000 m aufgebaut. Bereits beim Aufstieg war es Hiro, einem japanischen Freund, zunehmend schlechter gegangen und sein Gesundheitszustand eskalierte während der Nacht. Hiro hatte sich ein Hirnödem eingehandelt. Normalerweise in dieser Höhe das sichere Todesurteil.

Als ausgebildete Krankenschwester hatte Gerlinde Medikamente dabei, wusste auch, wie man diese anwendet und zusammen mit Ralf blieben sie die ganze Nacht über wach, redeten mit Hiro, sorgten dafür, dass er nicht einschlief und vor allem genügend Flüssigkeit zu sich nahm.

Am Everest kommt es immer wieder vor, dass Teilnehmer kommerzieller Expeditionen, die viel Geld für den Trip bezahlt hatten, emotionslos an Schwerkranken vorbeistiegen, aus lauter Sorge selbst auf den Gipfel verzichten zu müssen, wenn sie dort Hilfe leisten würden.

Nicht so Gerlinde und Ralf. Für sie war es selbstverständlich, morgens nicht Richtung Gipfel aufzubrechen, obwohl dieser zum Greifen nahe war. Gemeinsam stiegen sie die kommenden Tage mit Hiro ins Basecamp ab und retteten im so das Leben.

Finale Furioso: Die K2-Besteigung

Zu einem wahren Finale Furioso wurde die Besteigung des letzten 8.000ers der noch fehlte, des K2. Nach dem Everest der zweithöchste Berg und nur 200 m niedriger. Bereits viermal war Gerlinde auf über 8.000 m dort oben gewesen, musste jedes Mal wieder umdrehen, einmal wurde das Wetter schlecht, ein anderes Mal war die Eisschlaggefahr zu groß. 

Für den Versuch 2011 wurde dann ein sehr schwieriger Aufstieg gewählt, der Nordpfeiler, steil und exponiert. Sie hofften dort weniger von Eisserracs und Lawinen bedroht zu sein. Als dann die Lager standen, schneite es erst Mal lang und anhaltend. Dazu starker Wind und jeder Bergsteiger weiß was das bedeutet, erhöhte Lawinengefahr. Als das Wetter wieder aufklarte, stieg man auf und erreichte nach drei Tagen das letzte Hochlager auf knapp 8.000 m.

Sie waren zu viert – Gerlinde, zwei Polen und wieder ein Kasache. Die Nacht im engen Zweimann-Zelt zu viert war schrecklich gewesen und sie waren froh am nächsten Morgen mit dem weiteren Aufstieg beginnen zu können.

Gäste beim ISPO VIP Dinner (Quelle: Messe München GmbH)
Messe-Chef Klaus Dittrich, Gerlinde Kaltenbrunner und Bernd Kullmann, ehemaliger Geschäftsführer von Deuter
Bild: Messe München GmbH

Dieser führte durch eine steile Rinne und hier hatte der Sturm ganze Arbeit geleistet. Der Neuschnee war von den umliegenden Graten und Flanken in diese Rinne hineingeblasen worden und sie versanken buchstäblich in diesem lockeren Neuschnee. Man probierte es links, rechts, in der Mitte, nirgends kam man richtig voran und als es abends dämmerte, hatte man kaum Fortschritte erzielt.

Jeder andere wäre nach einem solchen Misserfolg abgestiegen, nicht so die vier Kameraden. Es erfolgte erneut eine schlimme, unbequeme Nacht in dem engen Zelt und am nächsten Morgen probierte man wieder. Und tatsächlich fanden sie ganz am Rand der Rinne einen gangbaren Weg, dort war der Schnee weniger tief und sie lösten sich ständig beim Spuren ab und erreichten dann tatsächlich um 18.00 Uhr bei Sonnenuntergang den Gipfel. 

Nachholbedarf: Frauen in Führungspositionen

Gerlinde war es damit als erster Frau gelungen, alle vierzehn 8.000er zu bestiegen und das in einem sportlich super fairen Stil ohne die Zuhilfenahme von Flaschensauerstoff, ohne die Hilfe von Hochträgern, sie schleppte alle Lasten selbst in die Hochlager.


Meine Damen und Herren, können wir als Entscheider in der Sportartikelindustrie etwas von Gerlinde Kaltenbrunner lernen? Nun, und diese Aussage richtet sich vor allem an die Männer im Publikum, es gibt viele starke Frauen, nicht nur beim Bergsteigen, nicht nur beim Sport, nein, auch im Business. Und wenn ich mir die Besetzung der Führungspositionen in unserer Branche anschaue, dann gäbe es hier noch eine Menge Nachholbedarf.

Gerlinde wünschen wir für ihren weiteren Lebensweg, dass sie die steilen Wände und die Berge die sich auch im Alltag in den Weg stellen, genauso glücklich und souverän meistert, wie die Eisriesen im Himalaya.

Bitte begrüßen Sie jetzt mit mir auf der Bühne eine absolute Ausnahmeathletin und eine wunderbare Frau. Gerlinde Kaltenbrunner ist die Gewinnerin des ISPO Pokals 2016. Nicht nur wegen ihrer herausragenden sportlichen Leistungen, sondern auch wegen ihres großen sozialen Engagements.„

ISPO (Quelle: ISPO)
Ein Beitrag von ISPO.com, Redaktion
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