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 ISPO-Director Gröber: „Die Leute müssen vom Sofa herunter“
ISPO-MUNICH | 22.01.2016

Interview zur ISPO MUNICH 2016

ISPO-Director Tobias Gröber: „Wir müssen die Leute sanft vom Sofa herunterkriegen“

ISPO-Director Gröber: „Die Leute müssen vom Sofa herunter“. Tobias Gröber ist Director der ISPO Group. (Quelle: ISPO)
Tobias Gröber ist Director der ISPO Group.
Bild: ISPO
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Tobias Gröber ist Director der ISPO Group und damit verantwortlich für die ISPO MUNICH als weltweit größte Plattform des Sport Business. Natürlich geht es für Gröber und sein Team auf der internationalen Leitmesse um die neuesten Trends, Technologien und Produkte – aber auch um noch viel mehr: den Auftrag einer ganzen Branche, zu einer gesünderen und aktiveren Welt beizutragen.

Nehmen wir mal an, Sie würden ganz neu anfangen und mit Ihrem gesammelten Wissen als Director der ISPO Group ein Start-up gründen. In welche Richtung würde das gehen, Herr Gröber?
Tobias Gröber: Definitiv etwas im digitalen Umfeld. Die Nachfrage ist extrem hoch, die gesamte Wertschöpfungskette und die Kommunikation, die Kanäle ändern sich grundlegend.

Und in welchem Bereich?
Es würde ganz sicher um das Thema Gesundheit gehen. Dieser Markt ist zwar schon da – aber er wird noch viel größer werden.

„Der Berg und ich – das spricht die Couch Potatoes nicht an“

Gesundheit, verbunden mit Fitness und Ernährung, ist doch schon ein großes und populäres Thema, mit dem viel Geld verdient wird?
Das ist erst der Anfang. Die Sportbranche beginnt gerade erst zu verstehen, dass sie in diesem Bereich neue Produkte anbieten und neue Zielgruppen erschließen kann. Wie das genau geht, da testen gerade viele: Muss ich mein Marketing verändern und wenn ja wie? Andere Bilder, andere Sprache, andere Tonalität?

Es geht weg vom: Der Berg und ich. Der Berg spricht die Couch Potatoes nicht an. Der Wandel findet aber übrigens auch auf ganz anderen Ebenen statt.

Inwiefern?
Die Regierungen in Europa, in Nord- und Südamerika und in Asien, insbesondere in China, haben erkannt, dass die Sportbranche der ideale Partner ist, um ganz grundlegende Zivilisationsprobleme lösen kann: Wir werden immer älter. Und müssen damit länger gesund bleiben. Das wird für die Gesundheitssysteme in ihrer derzeitigen Form enorme Probleme mit sich bringen, weil die Kosten ins Unermessliche steigen. 

Hier kommt der Sport, die Bewegung ins Spiel: Zum einen präventiv, zum anderen, das ist mittlerweile durch Studien sehr gut belegt, auch begleitend in der Heilung von schweren Krankheiten. Schauen wir mal insbesondere nach China, auf diesen riesigen Markt.

Dort musste die Regierung aufgrund des deutlichen Übergewichts vieler Chinesen schon intervenieren.
Die Probleme sind: Viel zu viele alte Menschen – und, durch die Ein-Kind-Politik bedingt, in Zukunft viel zu wenig Kinder, um das System zu tragen. Man muss sich das mal vorstellen: Da sind Papa, Mama, zwei Omas, zwei Opas – sechs Erwachsene, die sich um ein Kind kümmern.

Mit einem großen Unterschied zu früher: Geld für Konsumgüter. Die Kids dort werden vollgestopft und bewegen sich zu wenig.

Zu viel essen, zu wenig bewegen – das ist doch überall auf der Welt ein Problem, nicht nur in China. Oder?
Ein Spruch trifft es genau: Sitzen ist das neue Rauchen. Und es stimmt: Überlegen wir einmal, wie wenig wir uns heutzutage noch bewegen, bedingt durch unseren sitzenden Berufsalltag. Aber unser Körper ist darauf ausgelegt, sich zu bewegen!

Die Entwicklung vor allem in den letzten hundert Jahren ist vollkommen entgegen dem, was wir mit unserem Körper eigentlich tun könnten. Schauen wir doch, wie natürlich, wie selbstverständlich sich ein Kind noch bewegt – und wie schnell die Fähigkeiten dann verschwinden und in Vergessenheit geraten.

„Die Anfangshürde, mit dem Sport zu beginnen, ist zu hoch“

Ist vielen Menschen also gar nicht bewusst, was sie leisten könnten?
Ja. Aber hier zeigt sich ein grundlegendes Problem der Sportbranche derzeit: Sie kommuniziert Bilder, die für diejenigen, die zu Hause auf dem Sofa sitzen und dringend Hilfe benötigen würden, viel zu extrem sind. Höher, schneller, weiter – Blut, Schweiß und Tränen.

Die Anfangshürde, wieder oder überhaupt erst mit dem Sport zu beginnen, ist durch die derzeitige Gestaltung der Werbung viel zu hoch. Wir müssen einen sanfteren Ansatz finden, um einen Menschen vom Sofa herunterzukriegen.

Also für den Anfang flott Spazierengehen, statt gleich an den ersten Marathon zu denken.
Niemand muss einen Marathon laufen. Es reicht, wenn jemand rausgeht, drei Minuten läuft, eine Minute geht und sich ganz langsam, Schritt für Schritt steigert.

Andererseits: Die Menschen lieben auch die Extreme. 30 Kilo in 30 Tagen runter, das würden sich viele wünschen. Auch, wenn es nicht realistisch ist. Wie vermarktet man den sanfteren Ansatz?
Fangen wir ganz grundsätzlich an: Der Sport, die Bewegung, muss ganz anders in unserem Leben verankert werden, die Menschen müssen dafür wieder empfänglich gemacht werden, das beginnt und wird ganz maßgeblich geprägt von der Schule.

Die Lehrpläne sind heute immer noch die gleichen wie vor 30 Jahren. Ganz davon abgesehen, dass die Sportstunden die ersten sind, die ausfallen, vermitteln sie ein Bild vom Sport, das mehr als antiquiert ist: Geräteturnen und dazwischen Rumstehen.

Unseren Kindern wird an der Schule keine Freude an der Bewegung vermittelt. Dabei gäbe es doch so viele tolle Formen: Mal in den Klettergarten, mal Bouldern gehen. Miteinander, nicht gegeneinander. Einfach die Freude an der Bewegung spüren!

„Wir sind in Wettbewerb mit anderen Branchen und enormen Budgets“

Das zu ändern, setzt aber ein deutliches Engagement der Politik voraus.
Wir arbeiten mittlerweile sehr eng mit Brüssel zusammen, und ich merke, dass dort durchaus die Erkenntnis reift, dass Bewegung das einzig sinnvolle und probate Mittel ist, um die gesundheitlichen Probleme unserer Gesellschaft in den Griff zu kriegen.

Die Politiker gehen deshalb schon auf die Sportbranche zu. Unser Problem ist: Wir sehen beim Thema Gesundheit im Wettbewerb mit anderen Branchen, die extrem gut in der Lobbyarbeit sind und enorme Budgets haben: Die pharmazeutische Industrie, Beauty und Kosmetik, Ernährung. Und alle die erklären den Leuten da draußen: Wenn’s dir schlecht geht, nimm diese Pille. Dann wirst du wieder gesund.

Da hat sich ein Kreislauf etabliert: Die Ernährungsindustrie macht die Leute krank, die Pharma-Industrie wieder vermeintlich gesund.
Richtig. Bisher hatte die Politik ein großes Problem, die Sportbranche als Industrie wahrzunehmen. Dass es dort Arbeitsplätze gibt, dass Wertschöpfung generiert wird, dass Innovationen hervorgebracht werden. Aber dieses Verständnis wächst.

Für uns ist das extrem spannend, wie sich die ISPO MUNICH mittlerweile auch als Bühne für Politiker und Konzepte entwickelt hat. Es bewegt sich was. Es muss sich aber auch etwas bewegen. Die Weltbevölkerung wird zunehmend übergewichtig.

„Die gesamte Sportbranche muss gemeinsam auftreten“

Wie könnten Projekte, die mehr Bewegung schaffen, konkret aussehen?
In Mexiko wird getestet, Menschen, die zehn Kniebeugen machen, ihr U-Bahn-Ticket kostenlos zu geben. Das ist doch gut! Aber natürlich reicht das nicht.

Und hier sind wir als Sportbranche gefragt. Weil wir eben immer noch vor allem diejenigen bedienen, die sowieso schon sportlich aktiv sind. Wir müssen alle ansprechen, nicht nur die, die schon drei Paar Laufschuhe, Kompressionssocken und Activity-Tracker haben!

Und was kann die Branche nun tun?
Zuerst einmal verstehen, dass es im ersten Schritt nicht um Produkte geht, sondern gemeinsam an einem neuen Bewusstsein für Bewegung zu arbeiten. Ein Gegeneinander können wir uns nicht leisten, dafür ist die Branche zu klein.

Wir, die gesamte Sportbranche, müssen gemeinsam auftreten, die kleinen und großen Marken. Wir müssen gemeinsam und für die Bewegung sprechen. Wir müssen weiter die Politik überzeugen, welche wichtige Rolle wir spielen. Mal ganz forsch gedacht: Warum sollte es in Zukunft nicht niedrigere Mehrwertsteuersätze für Sportartikel geben?

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Julian Galinski (Quelle: ISPO)
Ein Beitrag von Julian Galinski, Leitender Redakteur
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