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 "Aufpassen, dass Skifahren nicht zu exklusiv wird"
Wintersport | 05.12.2015

Wintersport: Interview mit Professor Ralf-Dieter Roth

„Der Alpenraum muss aufpassen, dass Skifahren nicht zu exklusiv wird”

"Aufpassen, dass Skifahren nicht zu exklusiv wird". Professor Ralf-Dieter Roth spricht bei Dein Winter Dein Sport. (Quelle: Dein Winter. Dein Sport.)
Professor Ralf-Dieter Roth lehrt an der Sporthochschule in Köln
Bild: Dein Winter. Dein Sport.
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Steigende Temperaturen, steigende Preise - in Zukunft stehen der Wintersport und die gesamte Wintersportbranche vor großen Herausforderungen. Professor Ralf-Dieter Roth lehrt an der Sporthochschule in Köln am Institut für Natursport und Ökologie - er ist einer der weltweit führenden Experten auf seinem Gebiet. Hier spricht er über Beschneiung, alternative Vermarktung für Wintersportorte und die Probleme der Skifahrer.

Lassen Sie uns in die Zukunft der Branche blicken: Wie sieht der Wintersport der Zukunft aus, Herr Roth? Werden wir in zehn, zwanzig Jahren in Deutschland noch Skifahren? Wie verändert der Klimawandel das Freizeitverhalten der Wintersportler?
Ralf-Dieter Roth: Es ist ja nicht nur der Klimawandel. Wir haben auch so jede Menge Hausaufgaben zu bewältigen. In Deutschland ist die Situation wie folgt: Wir haben nur 2,5 Prozent Alpenanteil, zugleich ist ein Großteil unserer kleinen Ski- und Loipengebiete zwar siedlungsnah, jedoch liegen diese aber auch sehr niedrig.
Die Variabilität des Wetters ist bei uns ein deutlich größerer Faktor als der generelle Klimawandel. Die Studien zum Klimawandel berücksichtigen in der Regel nur das Temperatursignal, und dieses weist tatsächlich im Jahresmittel eine massive Erhöhung auf. Es führt auch zu Veränderungen, die unstrittig da sind. Aus diesem Grund wurde sehr viel investiert, auch in Beschneiungsanlagen.
Man kann mit diesem Thema mittlerweile sehr gut umgehen und benötigt letztlich auch nur 60 bis 90 Tage in der Kernzeit von Dezember bis Februar für dieses Erlebnis Schnee. Insofern haben wir nach wie vor hervorragende Wintersportmöglichkeiten in Deutschland.

Aber, wenn man da an den letzten Winter denkt: Da ging genau in dieser Kernzeit fast gar nichts in Sachen Ski & Rodel...
Wir kennen dieses Phänomen des kernlosen Winters, der Wärmeperioden rund um Weihnachten. Aber auch das hängt in erster Linie mit Großwetterlagen zusammen und ist nicht einfach auf den Klimawandel zurückzuführen.
Wir müssen halt mit dieser enormen Variabilität zurecht kommen und akzeptieren, dass wir manchmal auch mit Beschneiungsanlagen nichts ausrichten können. Aber auch der vergangene Winter war unterm Strich dann doch noch wirtschaftlich erfolgreich.
Wir können und konnten auch noch nie bestimmen, dass die Saison am 15. November, am 1. oder am 15. Dezember beginnt. 

„In Südtirol sind 95 Prozent der Fläche beschneit”

Aber Sie befürworten diese Investitionen? Gegen Großprojekte wie zum Beispiel den riesigen Speicherteich am Sudelfeld in Oberbayern gab es ja erheblichen Widerstand von mehreren Seiten.
Wir brauchen eine Zielübereinkunft, dass die wenigen Gebiete, die wir in Bayern haben, mit Augenmaß modernisiert werden. In Südtirol sind 95 Prozent der Skigebietsfläche beschneit, im Salzburger Land etwa 80 Prozent – und bei uns etwas über 20 Prozent. Ich denke schon, dass wir uns trauen sollten, die Gebiete im Nahraum von München mit dieser Technik auszustatten.
Solange wir Wasser zur Verfügung haben und mit der Energie entsprechend umgehen, ist die Gesamtbilanz nicht so schlecht.

Eine gelb-braune Wiese unterhalb eines Sesselliftes (Quelle: Thinktstock über The Digitale)
Viele niedrig gelegene Skigebiete haben schon jetzt mit Schneemangel zu kämpfen
Bild: Thinktstock über The Digitale


Der Skifahrer verbraucht mit dieser Beschneiung etwa 16 Kilowattstunden pro Tag - das entspricht vom CO2-Fußabdruck und der Energiebilanz her etwa einer 20-Kilometer-Fahrt mit einem Mittelklasse-Wagen. Das ist deutlich weniger als ein Sauna-Besuch. Man darf die Beschneiung per se nicht verteufeln. Der klimarelevante CO2-Fußabdruck ist und bleibt die Anfahrt. Da ist der Sommerwanderer nicht besser als der Winterskifahrer.

Das heißt, es besteht noch Hoffnung, dass auch in 20, 30 Jahren bei uns noch Ski gefahren wird?
Wir werden nicht überall Ski fahren können. Es wird räumliche und zeitliche Verschiebungen geben. Wir müssen Systeme entwickeln, auch im Wettkampfkalender, die darauf reagieren können. Wir haben doch schon Probleme vorherzusagen, wie das Wetter in 14 Tagen ist – umso weniger können wir heute seriös sagen, wie viel Niederschlag es im Jahr 2022 geben wird.

„Wintersport wird nicht mehr zu hundert Prozent Skiurlaub sein”

Wie richtet sich die mit dem Wintersport befasste Wirtschaft auf diese ungewisse Zukunft ein?
Wir können den Wintersport nicht substituieren, wir haben keinen Ersatz für ihn. Er ist von der Wertschöpfung, der Attraktivität und vom Erlebnisgut her nicht austauschbar.
Das heißt, wir müssen damit umgehen, dass es Veränderungen geben wird. Wintersporturlaub wird nicht mehr zu hundert Prozent Skiurlaub sein, sondern auch aus ergänzenden Angeboten bestehen: Schlittenfahren, Winterwandern, aber auch Kulturthemen.
Und wir brauchen völlig neue Überlegungen, was die Erreichbarkeit, Reise und Verkehr angeht. Auch die Kernleistungsträger, also Bergbahnen und Hotels, brauchen Innovationen und Unternehmertum, um Dinge zu modernisieren.

Gibt es schon entsprechende Vorschläge oder Ideen?
Wenn man sich an früher erinnert, lief ja im organisierten Sport viel über Busse oder den öffentlichen Nahverkehr. Man reiste in der Gruppe an. Den Individualverkehr zu reduzieren, ist also ein Thema. Die Industrie hat sich in den vergangenen Jahren schon intensiv mit dem Thema Verleihmaterial beschäftigt.
Zudem haben wir im Wintersport kaum Buchungen von Pauschalangeboten. Nötig wäre eine Entwicklung hin zum klimaneutralen Skigebiet. Manche Gebiete werden sich verkleinern oder sich auf bestimmte Zielgruppen ausrichten. Der Markt wird auf die Nachfragen der Zukunft reagieren.

„Über 70 Prozent der Skifahrer kommen aus Partnerschaften ohne Kinder”

Lassen Sie uns über Geld reden. Skifahren wird immer teurer – und elitärer?
Das ist wahrscheinlich eine größere Herausforderung als der Klimawandel. Der Großteil unserer Skifahrer hat ein Netto-Einkommen von etwa 2500 Euro. Über 70 Prozent der Skifahrer kommen aus Partnerschaften ohne Kinder. Wir müssen unbedingt etwas tun, damit Skifahren auch weiterhin ein Breitensport bleibt und wir nicht bestimmte Bevölkerungsschichten ausschließen.
Da haben siedlungsnahe Gebiete wie das Sudelfeld oder die Mittelgebirgsgebiete eine extrem wichtige Funktion. Im vergangenen Jahr haben wieder mehr als 100.000 Kinder im preiswerten Mittelgebirge Skifahren gelernt. Im Alpenraum muss man tatsächlich aufpassen, dass man nicht zu exklusiv wird.

Eine Familie auf Skiern blickt in den Nebel hinab (Quelle: Thinkstock über The Digitale)
Skifahren war einst Familiensache - heute hat sich das geändert.
Bild: Thinkstock über The Digitale

Tja, aber wie schafft man das? Eine Skischaukel mit mehr als 250 Pistenkilometern verlangt heute fast 50 Euro für den Skipass.
Wir haben in den USA tatsächlich schon Preise, die bei 120 oder 140 Euro liegen – eine völlige Fehlentwicklung, die auch den Alpenraum betrifft. Für Leute, die keine ganze Woche da sind, brauchen wir nicht diese riesigen Gebiete und diese extrem komfortablen Liftanlagen. Kleinere Familiengebiete müssen da ein Nischen-Profil entwickeln, das unter 'preiswert' läuft.
Es kann auch nicht sein, dass es nur noch Vier- und Fünf-Sterne-Unterkünfte gibt. Oder schauen Sie in die Schweiz: Die hat knapp 20 Prozent ihrer Gäste verloren, alleine über das Thema Preis. Und die Schweizer schätzen es, im Schwarzwald für unter 30 Euro einen Tag Skifahren zu können.
Ski-Urlaub ist ja ein klassischer Zweit-Urlaub. Insofern werden viele ihren Urlaub künftig budgetieren, das heißt, es sind vielleicht 800 Euro für den Urlaub vorgesehen, und wenn die Übernachtungen teurer werden, wird sich die Aufenthaltsdauer verkürzen.

„Deutschland ist der größte Quellmarkt in Europa”

Geht die Zahl der Skifahrer in Deutschland zurück?
Zirca 15 Millionen Deutsche haben Wintersporterfahrung, rund sieben Millionen gehen jedes Jahr für mehrere Tage in Winterurlaub. Damit sind wir mit Abstand der größte Quellmarkt in Europa.
Diese Zahlen und die Nachfrage sind stabil, und das wird so bleiben, solange es uns wirtschaftlich gut geht und die Leute sich dieses einmalige Erlebnisgut leisten können. Wer einmal die Faszination Skifahren erlebt hat, bleibt dabei. Die Kundenbindung ist extrem. Auch wenn der Skifahrer irgendwann zum Langläufer mutiert, bleibt er Wintersportler.

Die wichtigste Frage zum Schluss: Wie weiß wird denn nun der kommende Winter?
Wenn ich das wüsste, würde ich nicht an der Universität arbeiten! Vor ein paar Wochen waren die Mienen der Skiverkäufer noch versteinert, aber jetzt sieht es ja schon besser aus. Ich sehe aber eine Gefahr darin, dass wir immer mehr meinen, den Winter gegen die Natur nach vorne ziehen zu müssen.
Tatsächlich haben wir eigentlich erst ab Mitte Januar oder oft auch erst ausgangs der Saison die großen Schneelagen. Aber da denken die Leute schon wieder ans Frühjahr und an den Sommer.
Alles, was bis Weihnachten nicht verkauft ist, ist sicher ein Problem im Markt. Ich habe mittlerweile gelernt, den Winter so zu nehmen, wie er kommt.

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Ein Beitrag von Thomas Becker, Autor
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