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 Magdalena Neuner: Auf der Piste lasse ich’s gerne krachen!
Wintersport | 01.12.2015

Deutsche Biathlon-Ikone im Interview

Magdalena Neuner: „Sport ist Luxus!“

Magdalena Neuner: Auf der Piste lasse ich’s gerne krachen!.
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Zwölfmal Gold bei der Biathlon-WM, zweimal bei Olympia, drei Gesamtweltcup-Siege. Doch auch nach ihrem Karriereende 2012, als damals 25-Jährige, ist Magdalena Neuner aufgrund ihrer bodenständigen Art weit über die Sportart Biathlon hinaus beliebt. Mit ISPO.com spricht Neuner über Glückshormone, dicke Oberschenkel und Familienplanung.

Frau Neuner, kennen Sie den Spruch „Sitzen ist das neue Rauchen“?
Magdalena Neuner: Nein, noch nicht. Aber er macht Sinn!

Ärzte und Forscher warnen: Die Menschen in Deutschland und Europa insgesamt bewegen sich zu wenig. Wie sehen Sie das?
Ich persönlich bin noch sehr nah dran am Wintersport. Und ich habe ein kleines Kind. Verena Anna ist jetzt knapp eineinhalb Jahre und hält mich ganz schön auf Trab. Zudem habe ich keinen Bürojob, bei dem ich längere Zeit und regelmäßig sitzen müsste. Aber ich merke jetzt schon auch: Sich selbst für regelmäßigen Sport zu motivieren, ist nicht leicht.

„Sport muss man genau planen”

Der innere Schweinehund...
Die Bewegung braucht unbedingt ihren festen Platz im Tagesablauf. Sonst füllt man den Tag nur mit anderen Dingen auf. Jetzt, nachdem ich auch ein bisschen Abstand zum Leistungssport gewonnen habe, merke ich, wie sich meine Einstellung zum Sport an sich ändert: Sport ist Luxus, Sport ist Erholung – das ist mein Highlight am Tag. Aber: Auch ich muss genau planen, wann und wo. Sonst mache ich es nicht.

Magdalena Neuner beim Biathlon-Weltcup in Trondheim (Quelle: By Ragnar Singsaas/CC BY-SA 2.0 via Wikimedia Commons)
Magdalena Neuner 2009 beim Biathlon-Weltcup im norwegischen Trondheim
Bild: By Ragnar Singsaas/CC BY-SA 2.0 via Wikimedia Commons

Fitness- und Ernährungsprogramme on- wie offline versprechen heutzutage größten Erfolg bei minimalem Investment – quasi schon mit dem Kauf.
Aber von alleine funktioniert das nicht. Nur mit einer App wird keiner zum Supersportler. Lust auf Bewegung, auch ein bisschen Ehrgeiz, das ist wichtig. Geradeaus gesagt: Man muss den Hintern hochkriegen!

Wie kann man jemandem, der 20 Jahre auf dem Sofa gesessen hat, die Bewegung schmackhaft machen?
Es sind die Gefühle, die der Sport auslöst. Nach dem Sport fühle ich mich lebendig. Jede Zelle, jeder Muskel ist durchblutet, der Sauerstoff ist in meinem Kopf. Aber was mich am meisten motiviert, ist die Ausschüttung der Glückshormone. Das ist so schön, wenn man danach mit einem Lächeln im Gesicht unter die Dusche geht. Das muss jeder erlebt haben! Wichtig dabei ist aber: beim richtigen Maß bleiben.

„Jeder kann einen Zugang zum Sport finden”

Inwiefern?
Wenn jemand zum Beispiel nach längerer Pause startet – oder überhaupt erst mit dem Sport anfängt, dann sind die ersten Schritte eine Runde Walken oder schnelleres Spazierengehen, um einen sanften und gesunden Zugang zur Bewegung zu finden. Den größten Fehler, den jemand machen könnte, wäre zu sagen: Morgen laufe ich einen Halbmarathon. Ich bin mir absolut sicher: Jeder, egal wie alt oder wie jung, kann einen Zugang zum Sport finden – manchmal braucht es eben ein bisschen Fingerspitzengefühl.

Für viele ist die Zahl auf der Waage die größte Motivation für den Sport. Nach dem Motto: Die zehn Kilo müssen runter. Nicht Ihr Ansatz, oder?
Müssen und Druck, also Bewegung nur als unliebsames Mittel zum Zweck sind der falsche Weg. Gerade, wenn jemand abnehmen möchte, funktioniert das nicht. Wenn jemand aber locker und entspannt rangeht, mit dem positiven Wunsch, sich mehr zu bewegen und gesünder zu ernähren, überhaupt etwas für sich selbst zu tun – dann führt das viel eher zum Erfolg.

Magdalena Neuner mit Klaus Dittrich vor einer ISPO-Stellwand. (Quelle: ISPO)
Klaus Dittrich, Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe München, mit Ex-Biathletin und ISPO-Preisträgerin Magdalena Neuner 2015.
Bild: ISPO

Welcher Sport, welche Bewegung macht Ihnen eigentlich am meisten Spaß?
Ich bin unheimlich gern mit dem Rad unterwegs, aber jetzt kommt natürlich der Winter und die Langlaufski stehen schon bereit. Ich bin aber genauso gerne mit den Alpin-Ski unterwegs.

Die konnten Sie während Ihrer aktiven Biathlon-Karriere wahrscheinlich nur selten rausholen.
Ja, das stimmt. Aber ich habe es nie verlernt, als Kind und als Jugendliche bin ich immer gefahren.

„Nach einem richtigen Skitag bin ich platt”

Mal mit dem Lift den Berg rauf, anstatt sich mit Muskelkraft emporkämpfen zu müssen, das hat doch auch was, oder?
Klar! Wobei ich nach einem richtigen Skitag auch platt bin. Meine Oberschenkel fühlen sich dann doppelt so dick an wie normal. Und man muss sich auch ziemlich konzentrieren.

Fahren Sie so schnell?
Also, ich bin kein Rowdy... Aber auf der Piste lasse ich’s schon gerne krachen! Wobei ich mittlerweile sogar noch ein paar Kurven mehr fahre als früher. Ich glaube, ich verändere mich hin zur Genussskifahrerin.

Und wo fahren Sie am liebsten? Daheim oder in der Ferne?
Die Zugspitz-Arena in Garmisch ist ein tolles Skigebiet. Und von Wallgau ebenfalls in 20 Minuten zu erreichen ist Seefeld in Tirol, also direkt vor der Haustür. Da gibt’s eine nette Zahnradbahn, mit der geht immer die erste Fahrt rauf.

Magdalena Neuner im Interview mit Julian Galinski (Quelle: privat)
Magdalena Neuner im Interview mit ISPO.com Redakteur Julian Galinski
Bild: privat

„Ich habe den Abstand und die Pause gebraucht”

Nach knapp drei Jahren Pause zieht es Sie nun auch beruflich wieder in den Schnee – als Biathlon-Kommentatorin bei der ARD. Haben Sie den Weltcup vermisst?
Für mich ist das: back to the roots. Ich bin Sportlerin im Herzen und werde die Biathlon-Begeisterung mein Leben lang behalten – das versuche ich dann, den Zuschauern zu vermitteln. Aber ich muss auch ganz ehrlich sagen: Ich habe den Abstand und die Pause gebraucht, um mich auf mein neues Leben einzustellen, zu sehen: Wo geht meine Reise eigentlich weiter hin?

Viele Sponsoren sind Ihnen auch nach dem Karriereende treu geblieben, Sie treten unter anderem als Markenbotschafterin Ihrer Sponsoren auf. Planen Sie eigentlich auch, Vorträge zu halten? Das ist schließlich der Klassiker für erfolgreiche Sportler in der zweiten Karriere?
Nein, das muss nicht sein. Ich konzentriere ich mich auf das, was ich habe und fühle mich sehr wohl mit dem was ich mache. Unter anderem bin ich auch Schirmherrin für die Björn-Schulz-Stiftung für schwerkranke Kinder, das ist mir sehr wichtig.

Und langfristig, wo geht’s hin?
Die Frage konnte ich vor drei Jahren, als sie mir zum ersten Mal gestellt wurde und auch heute nicht so richtig beantworten. Noch ist nicht absehbar, wie lange ich Markenbotschafterin für meine Partner wie Erdinger Alkoholfrei, Audi oder Adidas sein darf.

Magdalena Neuner und ein Audi A6 Avant (Quelle: Audi AG)
Markenbotschafterin Magdalena Neuner mit einem Auto ihres Sponsors Audi
Bild: Audi AG

Also alles gut bei Magdalena Neuner?
Ich finde es gut, wie es ist. Aber ich bin auch ganz ehrlich: Wenn später mal mehr als ein Kind da ist, was ich sehr hoffe, dann wird die Familie immer mehr in den Vordergrund treten.

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Julian Galinski (Quelle: ISPO)
Ein Beitrag von Julian Galinski, Leitender Redakteur
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