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 „Wir sind Schweizer, das ist unser Problem“
Sportbusiness | 02.12.2015

Outdoor: Mammut-CEO Rolf Schmid im Interview

"Wir sind Schweizer, das ist unser Problem"

„Wir sind Schweizer, das ist unser Problem“. Mammut-CEO Rolf Schmidt in Outdoor-Kleidung (Quelle: Moritz Becher)
Mammut-CEO Rolf Schmidt trägt lieber Outdoor-Kleidung als Anzug
Bild: Moritz Becher
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Rolf Schmid gehört als CEO der Mammut Sports Group mit beinahe 20 Jahren Firmenzugehörigkeit schon fast zum alten Eisen der Outdoor-Branche. Dass der Schweizer aber die Zeichen der Zeit erkennt, beweist er im Interview mit ISPO.com. Der Firmenboss erklärt den asiatischen Markt, wie er auch in Zukunft mit Mammut ein Global Player bleiben will und was für ihn Nachhaltigkeit bedeutet.

Herr Schmid, Sie sind seit 1996 CEO der Mammut Sports Group. Was tragen Sie lieber, Business-Anzug oder Outdoor-Bekleidung?
Outdoor. Ich trage fast nie Business-Kleidung, außer ich muss zum Vorstand. Die Herren tragen ganz gerne Krawatte, da muss ich zumindest ein weißes Hemd anziehen.  

Das heißt, bei Ihnen in der Firma herrscht eigentlich immer Casual Friday?
Bei uns ist das ganze Jahr Casual Friday, da sehen sie mehr Flip Flops als normale Schuhe.  

"Bei Mammut verfolgen wir eine nachhaltige Politik"

Das 150-jährige Firmenjubiläum liegt noch nicht so lange zurück, Ihr eigenes steht kurz bevor. 2016 werden Sie 20 Jahre CEO der Mammut Sports Group sein. Was ist Ihr erster Gedanke, wenn Sie an die Zeit zurückdenken?
Nachhaltiges Wachstum, keine kurzfristigen und vor allem kurzsichtigen Entscheidungen. Wir verfolgen eine nachhaltige Politik, die vielleicht nicht so schnell ist wie anderswo, aber dafür in zehn Jahren auch noch gut ist. Als Teil der Conzzetta-Gruppe bedeutet das, es werden Firmen nicht einfach gekauft und sofort wieder verkauft. Unternehmen wie zum Beispiel Bystronic und FoamPartner wurden integriert, um sie in den nächsten Jahrzehnten weiterzuentwickeln. 

Mammut-CEO in den Bergen (Quelle: Moritz Becher/Mammut)
Mammut-CEO Rolf Schmid auf dem Schweizer Engelberg.
Bild: Moritz Becher/Mammut

 

Sie haben den Umsatz der Firma von 1996 bis 2014 kontinuierlich gesteigert und mal in einem Interview gesagt, Sie haben ihre Produkte von 4.000 Meter auf 1.000 Meter heruntergeholt. Könnte man ihr Erfolgsgeheimnis mit Aufstieg durch Abstieg zusammenfassen?
Abstieg hört sich immer so negativ an.  

Sie dürfen gerne einen Alternativvorschlag machen...
Wenn wir sagen, wir sind von 4.000 Meter auf 1.000 heruntergestiegen, dann würde es ja bedeuten, dass wir nicht mehr auf 4.000 sind. Tatsächlich sind wir also nicht heruntergestiegen, sondern haben uns ausgeweitet.  

Für 2015 sehen die Zahlen nicht ganz so gut aus – ein Verlust steht wohl bevor, die Seilproduktion Seon wurde verkauft. Wo liegen die Probleme des Unternehmens?
Wir sind Schweizer, unsere Firma liegt in der Schweiz. Das ist unser Problem. Im Januar hat die Schweizer Nationalbank beschlossen, den Fixkurs des Schweizer Franken aufzuheben. Das hat unsere Währung um einen Schlag um zehn bis fünfzehn Prozent aufgewertet. Dadurch haben wir innerhalb einer Viertelstunde einen hohen einstelligen Millionenbetrag verloren. Das zweite Problem ist, dass wir hohe Beschaffungskosten in Dollar und Schweizer Franken haben, beides Währungen, deren Kurs gestiegen ist, und gleichzeitig Verkaufserträge in Euro oder auch Yen, die gefallen sind. Wir haben also definitiv ein Währungsproblem, sonst nichts. Operativ läuft alles wie in den letzten Jahren. Wir hoffen, dass wir hier die richtigen Maßnahmen für die Zukunft getroffen haben.  

Rolf Schmid beim Aufstieg zum Mont Blanc (Quelle: Photopress/Mammut)
Rolf Schmid kontrolliert die 360°-Kamera für seinen Aufstieg zum Mont Blanc, den er 2015 zusammen mit Klaus Dittrich, Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe München, unternahm
Bild: Photopress/Mammut

Wie sehen diese Maßnahmen denn aus?
Als erstes müssen wir die Kosten, die wir in Schweizer Franken haben, reduzieren. Wir haben vor ein paar Jahren das Lager von der Schweiz nach Deutschland verlegt. Der nächste Schritt war der von Ihnen angesprochene Verkauf der Seilproduktion und 2016 folgt eine Preisanpassung im Euroraum. 

"Ich kann von meinen Mitarbeitern nur so viel erwarten, wie ich ihnen selber vorlebe"

Was ist für Sie persönlich der wichtigste Leitsatz, an den Sie sich im täglichen Business immer wieder selbst erinnern?
Das ist für mich ganz klar das Vorleben. Ich kann von meinen Mitarbeitern nur so viel erwarten, wie ich ihnen selber vorlebe. Ein weiterer Grundsatz ist für mich das kritische Hinterfragen. Egal wie gut die Idee eines Mitarbeiters ist, ich versuche ihn herauszufordern, um zu sehen, mit wie viel Herzblut er dabei ist. Ich muss im Menschen spüren, dass er dafür kämpft. Ist das der Fall, dann kann die Aufgabe noch so schwierig sein, die Erfolgschancen werden relativ groß sein.

In wie weit hat sich Ihr Blick auf Ihr Unternehmen nach Ihrem dreimonatigen Sabbatical 2011 geändert?
Nach meiner Rückkehr habe ich gemerkt, dass ich nicht mehr in alle Details involviert sein muss. Es hatte sich eine noch größere Selbstständigkeit etabliert. Ich habe eine gesunde Distanz zum Tagesgeschäft gefunden und vielleicht sind meine Mitarbeiter ganz froh, dass sie mich da im positiven Sinne los geworden sind.  

Im Zusammenhang mit Mammut und Ihnen wird oft der Begriff Swissness erwähnt. Was bedeutet das für Sie, und wie viel Swissness steckt noch in Mammut?
Swissness steht in unserem Fall für die Berge, für Authentizität. Für uns als Schweizer Firma ist es leichter, sich vor das Matterhorn zu stellen und zu behaupten, wir verstehen etwas von Bergsport. Wenn das ein Niederländer im Flachland macht, dann ist das schon weniger glaubwürdig. Zudem verbinde ich damit Attribute wie Qualität, Technologie und Nachhaltigkeit.

Von der Seilerei zur Weltmarke

"Korea ist ein Traum für jedes Outdoor-Unternehmen"

In einem Interview mit der Welt haben Sie die Produkte Ihres Unternehmens sinnbildlich als Ferraris der Outdoor-Branche bezeichnet. Wie läuft das Ferrari-Geschäft in Asien, einem Markt, auf dem Sie ihren Einfluss vergrößern wollten?
Also momentan sieht man wohl nirgendwo mehr teure Sportwagen als in Peking, wobei ich mir nicht ganz sicher bin, wie es speziell für Ferrari läuft. Auch wenn Asien gerne als Region zusammengefasst wird, sehe ich das differenzierter. Japan ist extrem etabliert, der Markt ist allen anderen Ländern um Jahre voraus. Hier gibt es auch richtige Fachhändler, Mammut wird dort sehr gut wahrgenommen. Der schönste Markt ist Korea, übrigens der zweitgrößte Outdoor-Markt. Koreaner würden nie mit Jeans in die Berge. Selbst auf dem kleinsten Hügel sind Koreaner so gut ausgerüstet wie ein Europäer bei der Mount-Everest-Besteigung. Das ist ein Traum für jedes Outdoor-Unternehmen. In China sind wir eher ein Spätaufsteher, wobei wir davon ausgehen, dass die enormen Wachstumszahlen der letzten Jahre ausbleiben werden.   

"Heutzutage ist es für eine Marke unerlässlich, sich in allen Kanälen zu bewegen"

Sie haben den Ausbau der Mammut Shops weltweit vorangetrieben. Wie wichtig ist Ihnen der Internethandel und wie gut sehen Sie Ihr Unternehmen für das digitale Zeitalter gerüstet?
Heutzutage ist es für eine Marke unerlässlich, sich in allen Kanälen, sprich Fachhandel, eigene Shops und E-Commerce, zu bewegen. Wenn es im Web um Social Media geht, sind wir meiner Meinung nach sehr gut aufgestellt. Was wir noch nicht haben, ist ein Web-Shop, aber hier werden wir im kommenden Jahr die ersten Gehversuche machen.  

In der Bekleidungsindustrie gibt es zwei sehr gegensätzliche Trends, Hightech und Nachhaltigkeit. Wie schaffen Sie mit Mammut den Spagat zwischen beiden Welten?
Ich glaube nicht, dass das eine das andere ausschließt. Für mich ist Langlebigkeit der Schlüssel. Ein Produkt, welches vielleicht etwas mehr Chemie enthält, ist im Hinblick auf die komplette Kette noch lange nicht per se schädlicher. Das beste für die Umwelt sind langlebige Produkte. Keinem ist geholfen, wenn selbstkompostierende Jacken nach der ersten Wanderung auseinanderfallen.

Rolf Schmid in Anzug und Krawatte – normalerweise bevorzugt der passionierte Bergsteiger Outdoor-Bekleidung. (Quelle: Mammut)
Rolf Schmid in Anzug und Krawatte – normalerweise bevorzugt der passionierte Bergsteiger Outdoor-Bekleidung.
Bild: Mammut

Mammut hat vor kurzem den Responsible Down Standard eingeführt. In einem Satz, warum ist dieser Standard so wichtig?  
Leider kommt es in der Daunenproduktion teilweise zu unethischen und tierquälerischen Praktiken, wie beispielsweise zu Stopfmast und Lebendrupf. Ein Umstand, der gerade im naturverbundenen Outdoor-Sport nicht tolerierbar ist, für Konsumenten genauso wenig wie für uns als Unternehmen. Der Standard sichert die artgerechte Haltung und Behandlung der Gänse und Enten, verbessert den Schutz der Tiere und gewährleistet auf globaler Ebene in der gesamten Daunenindustrie die Rückverfolgbarkeit bis hin zum Küken.

Woran liegt es, dass trotz aller Forschung und High-Tech-Materialien noch immer keine Alternative zu Daunen gefunden wurde?
In Bezug auf Gewicht, Komprimierbarkeit und Isolationswert wurde die Daune von keiner synthetischen Alternative bislang übertroffen - und damit bleibt das Naturmaterial weiter unsere erste Wahl.

"Die Händler müssen sich mehr fokussieren"

Neben dem Ausbau des Shop-Netzwerks haben Sie auch ein neues Vertriebskonzept mit neuen Mindeststandards für Händler eingeführt. Wie sieht die Bilanz nach den ersten Monaten aus?
Es hat sich sehr bewährt, dass manmit weniger Kunden mehr erreicht. Die Händler müssen sich mehr fokussieren, es entsteht eine Win-Win-Situation für beide Seiten. Gleichzeitig schmerzt es natürlich, wenn man große Kunden wie zum Beispiel Sport Eybl verliert, der nach der Übernahme durch SDI nicht mehr unseren Standards hinsichtlich Beratung und Präsentation der Waren auf der Verkaufsfläche entsprach. Durch diese Entscheidung haben wir über Nacht einen hohen Millionenbetrag verloren.  

In welchem Outfit werden wir Sie auf der ISPO MUNICH 2016 antreffen, feinster Business-Zwirn oder leger in Flip Flops?
Da wir uns auf der ISPO im legeren Outdoor-Segment bewegen sicher sportlich-klassisch. Ich muss zwar auf keinen 4000er, aber vernünftige Schuhe werden es dann doch sein. 


Kommentare
Florian Pertsch (Quelle: ISPO)
Ein Beitrag von Florian Pertsch, Autor
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