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 Das kann China im Wintersport von Neuseeland lernen
China | 27.03.2017

Cadrona Alpine Resort: Neuseelands Wintersport-Experten in China

Bridget Legnavsky: Das kann China im Wintersport von Neuseeland lernen

Das kann China im Wintersport von Neuseeland lernen. Das Cardrona Alpine Resort lädt seit 1980 neuseeländische Wintersport-Fans. (Quelle: Cardrona Alpine Resort)
Das Cardrona Alpine Resort lädt seit 1980 neuseeländische Wintersport-Fans.
Bild: Cardrona Alpine Resort
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Chinas Wissensdurst im Wintersport ist riesig, die Schweiz oder Frankreich stehen mit Rat und Tat zur Seite. Expertin Bridget Legnavsky erklärt bei ISPO.com, wie der Wintersport-Zwerg Neuseeland auch seinen Beitrag leistet und selbst davon profitiert.

Chinas Wintersport-Boom kennt in den letzten Jahren keine Grenzen – und auch die Prognosen für die nächsten fünf Jahre bis zu den Olympischen Winterspielen 2022 in Beijing sind äußerst vielversprechend.

Das Geschäft brummt, und was bei den Chinesen an Know-how nicht vorhanden ist, wird kurzerhand durch Kooperationen mit erfahrenen Ski-Nationen wie der Schweiz, Frankreich, Österreich oder auch den USA erfragt.

Soweit die üblichen Verdächtigen, aber es gibt auch andere Nationen, die proaktiv auf das Reich der Mitte zugehen: zum Beispiel Neuseeland. Bridget Legnavsky ist General Managerin des Cardrona Alpine Resort auf der Südinsel Neuseelands und knüpft seit einigen Jahren enge Kontakte zu mehreren namhaften Ski-Gebieten in China.

Lesen Sie hier. Skisport in China – Neue Zahlen belegen Wintersport-Wachstum


Im Gespräch mit ISPO.com erklärt die Wintersport-Expertin, die auf 24 Jahre im Ski-Business zurückblickt, über die verschiedenen Projekte, die das Cardrona Alpine Resort in China ins Leben gerufen hat, was China von Neuseeland lernen kann, und warum auch Cardrona von der Kooperation profitiert.

China lockt als neuer Wintersport-Markt

ISPO.com: Frau Legnavsky, Sie kommen aus Neuseeland, ich bin Deutscher. Getroffen haben wir uns aber in Nanshan in China. Ich war dort als Journalist bei der ISPO BEIJING, was war Ihr Auftrag in Nanshan?
Bridget Legnavsky:
Neuseeland und China unterhalten sehr gute Handelsbeziehungen. Das Cardrona Alpine Resort ist eine Tourismus-Organisation in Neuseeland und zuallererst sind wir natürlich eine Ski-Resort. Wir wollen Cardrona aber zu einer Reise-Destination für das ganze Jahr ausbauen.

Der traditionelle Ski-Markt stagnierte in den letzten Jahren in Neuseeland, und mit China gibt es nun einen neuen Markt mit einer komplett neuen Zielgruppe von Wintersportlern. China lernt gerade erst Ski fahren, und Neuseeland ist für Chinesen schon immer ein beliebtes Reiseziel.

War dies Ihr erster Trip nach China, um Neuseeland – und Cardrona im Speziellen – zu promoten?
Wir reisen bereits seit zwei Jahren regelmäßig nach China und sind mit den Ergebnissen äußerst zufrieden. Viele Chinesen wissen bereits, was es mit Cardrona auf sich hat. In unseren Büros in Cardrona haben wir zudem in jeder Abteilung Mitarbeiter, die Mandarin sprechen, um noch China-freundlicher zu sein.

Mit welchen Maßnahmen versuchen Sie die Chinesen nach Cardrona zu bekommen?
Die Wachstumszahlen im Wintersport in China sind bekannt – und sie sind phänomenal. Wir haben darum unterschiedliche Strategien entwickelt. Nanshan befindet sich direkt vor den Toren Beijings, manchmal kommt es einem sogar so vor, als ob man in Beijing ist.

Das Ski-Gebiet ist relativ klein, aber es ist das einzige in ganz China mit einem Terrain-Park. Das ist eine der Spezialitäten Cardronas und aus diesem Grund haben wir die Nanshan Open, ein Freestyle Event, gesponsert und voll auf Branding gesetzt. 

Lesen Sie hier: So lief die Ski-Resort-Tour der ISPO BEIJING in Nanshan

Bridget Legnavsky ist General Managerin des neuseeländischen Cardrona Alpine Resort. (Quelle: Cardrona Alpine Resort)
Bridget Legnavsky ist General Managerin des neuseeländischen Cardrona Alpine Resort.
Bild: Cardrona Alpine Resort

Persönliche Kontakte ermöglichen Kooperation mit China

Haben Sie außer Nanshan noch andere Ski-Gebiete besucht?
Nach Nanshan sind wir noch in den Norden nach Wanlong in den Distrikt Chongli und in das Secret Garden Ski Resort gefahren.

In Wanlong setzen wir auf eine andere Strategie. Wir arbeiten eng mit dem örtlichen Resort-Team zusammen und helfen bei der Skilehrer-Ausbildung. Zusätzlich gibt es ein Austausch-Programm, bei dem die Lehrer Wanlongs in Cardrona arbeiten und die Cardrona-Ausbilder nach China reisen, um ihre Erfahrungen und Englischkenntnisse an das Team in China weiterzugeben.

Ende März wird außerdem ein Cardrona-Park-Team nach Wanlong reisen, um einen neuen Terrain-Park zu designen. Viele Menschen im Westen realisieren gar nicht, welch außergewöhnliche Arbeit die Chinesen hier abliefern. Die Berge sind zwar nicht zu vergleichen, aber die Pistenpräparierung und die Bedingungen sind unglaublich.

Das sind viele Projekte und ein großer Arbeitsaufwand. Wer hatte die ursprüngliche Idee zu dieser Kooperation?
Wir haben das alles im Alleingang auf die Beine gestellt. Es hat eine Weile gedauert, bis wir die richtigen Leute kennengelernt haben und die Projekte ins Rollen kamen. Letztlich geht es in China immer um Vertrauen.

Darum kommt man sich in China zu Anfangs auch immer wie eine Maus im Laufrad vor. Du rennst und rennst und kommst nicht vorwärts. Aber dann haben wir durch unsere Verbindung zum neuseeländischen Tourismusunternehmen Real Journeys die richtigen Leute getroffen.

Auch internationale Kongresse waren äußerst hilfreich für uns. Letztlich geht es immer darum, Bekanntschaften zu machen und mit den Menschen zu reden.

„Das Erlebnis in Neuseeland ist ganzheitlich“

Warum sollten chinesische Wintersportler nach Neuseeland reisen? Welche Vorteile haben sie?
Neuseeland ist eine komplett andere Erfahrung als der Rest der Welt. In den Tälern liegt kein Schnee und man kann zum Beispiel Mountainbiken. Sobald man sich in den Bergen aber oberhalb der Baumgrenze befindet, liegt auf dem weitläufigen Gebiet Schnee – ein bisschen wie in Europa.

Das Erlebnis Neuseeland ist also ein sehr ganzheitliches, speziell in Monaten wie September. Es ist Frühling, der Schnee ist immer noch großartig und gleichzeitig kann man aber schon anfangen, Wasserski zu fahren. Es gibt keine Luftverschmutzung, die Luft ist kristallklar, und die Fernsicht ist sensationell.

Zurück nach China: Wie viel von seinem Potenzial hat China im Ski-Geschäft schon ausgenutzt?
China legt gerade erst los. Die Chinesen gehen äußerst geplant vor und bauen schon bevor die Kunden überhaupt da sind. Die drei größten Resorts mit Wanlong, Secret Gardens und Thaiwoo verfügen über sehr große Kapazitäten, aber bislang sind sie noch nicht überfüllt.

Die Chinesen vertrauen aber ihren Prognosen, und so werden zum Beispiel in den nächsten fünf Jahren zu den sechs bestehenden Liften in Thaiwoo laut den Planungen noch sehr viele dazu kommen. Momentan ist die Kundenzahl noch nicht so groß, aber wenn der Hochgeschwindigkeitszug fertiggestellt ist und in unter einer Stunde von Beijing das Gebiet erreicht, dann wird sich das schnell ändern.

Was ist Ihrer Ansicht nach der wichtigste Aspekt, an dem die Chinesen arbeiten müssen?
Definitiv Kundenservice. Viele Ski-Lehrer haben zum Beispiel einfach sehr wenig Erfahrung mit Kunden und der Lehre an sich. Durch einen guten Ski-Lehrer können die Anfänger auf den Wintersport-Geschmack kommen, darum geht es zuallererst darum, diese Eigenschaften auf ein professionelles Niveau zu heben.

Ein Grundproblem, welches sich aber in der nahen Zukunft wohl eher nicht ändern wird, ist die mangelhafte Interaktion mit internationalen Gästen. Es ist sehr schwer, ohne Chinesisch-Kenntnisse zurecht zu kommen, das eingeschränkte Internet ist gewöhnungsbedürftig, und es gibt sehr viele bizarre Regeln, die sich uns nicht erschließen.

Legnavsky: „Chinesen sind umwerfende Gastgeber“

Was war für Sie bei Ihren Trips in China die überraschendste Erfahrung?
Auf der positiven Seite die Gastfreundschaft. Chinesen kümmern sich sehr herzlich um einen und sind umwerfende Gastgeber. Und sie feiern ihre Erfolge, davon können wir uns wirklich etwas abschauen.

Ein negativer Aspekt, über den man sich im Vorfeld bewusst sein muss: Der Transport der Ski-Ausrüstung ist in China nicht ganz einfach. Um zum Beispiel vom Flughafen zum Hotel zu kommen, muss man immer ein entsprechendes Großraumtaxi vorbestellen. Chinesen sind Ski-Touristen mit eigener Ausrüstung nicht gewöhnt.

Sie reisen generell mit sehr wenig Gepäck, darum ist der Besitz von eigenen Skiern auch nicht sehr verbreitet.

Die Olympischen Winterspiele 2022 waren auf der ISPO BEIJING und auch auf vielen anderen Events eines der großen Themen. Konzentriert sich China vielleicht etwas zu sehr auf Olympia und vernachlässigt die Wurzeln des Wintersports?
Lassen sie es mich so formulieren. Wenn China sich entschließt, etwas umzusetzen, dann wollen sie es besser als jemals zuvor machen. Die Chinesen sind ein sehr stolzes Volk, und die Ausrichtung der Olympischen Spiele ist eine sehr prestigeträchtige Aufgabe.

Ich bin mir also sicher, dass sich sehr viele Menschen mit den Olympischen Winterspielen beschäftigen. Die menschlichen Ressourcen sind aber so gewaltig, dass es gleichzeitig genug Chinesen geben wird, die sich mit komplett anderen Dingen beschäftigen werden. Und sie haben keine Vorbehalte, um jeden nach Hilfe zum Erreichen ihrer Ziele zu fragen. Genau aus diesem Grund werden sie am Ende auch eine Sammlung der allerbesten Ideen zur Verfügung haben. 

Lesen Sie hier: So profitieren europäische Unternehmen vom Olympia-Boom in China

Auch Freestyler kommen im Cardrona Alpine Resort auf ihre Kosten. (Quelle: Cardrona Alpine Resort)
Auch Freestyler kommen im Cardrona Alpine Resort auf ihre Kosten.
Bild: Cardrona Alpine Resort

Neuseeland „auf Augenhöhe mit den USA“

Wenn China das eine Ende der Ski-Business Skala in Bezug auf den Entwicklungsstand abbildet und Europa oder die USA das andere Ende, wo liegt Neuseeland?
Ich würde sagen Neuseeland ist vergleichbar mit den kleineren Resorts in den USA. Ein Unterschied ist, das bei uns nicht so viele Immobilien zum Resort gehören. Wir verfügen im Schnitt über vier bis fünf Lifte, ein paar Restaurants und die Grundausstattung an Verwaltungsgebäuden.

Wenn es um den Entwicklungsgrad der Ski-Gebiete sind, sind wir aber auf Augenhöhe mit den USA. Zusätzlich verstehen wir es sehr gut, Events zu veranstalten. Wir haben in Neuseeland acht Weltcup-Events. 

Über was für Zahlen sprechen wir im Fall von Cardrona? Wie viele Tage im Jahr können Sie die Lifte betreiben?
Wir haben sechs Lifte und 200 zertifizierte Ski-Lehrer, im Schnitt besuchen 3000 Wintersportler pro Tag Cardrona. Das Problem ist, dass unsere Saison sehr kurz ist. Hochsaison ist für etwa zwei Monate, wir arbeiten aber daran die Ski-Saison zu verlängern.

Mit welchen Maßnahmen können Sie dieses Ziel erreichen?
Ein Trend, den wir registriert haben, ist eine große Zahl von Besuchern, die mit dem Lift lediglich auf den Gipfel fahren wollen, um die Aussicht zu genießen. Wenn es uns gelingt, die Zahl der verkauften Lift-Tickets zu erhöhen, sind wir eventuell in der Lage, den Wintersportlern neue Lifte zu bieten.

Unser Ski-Resort muss nicht klein sein, wir haben mehr als genug Platz. Was wir uns nicht leisten können – und das ist der Unterschied zu China – wir können nicht einfach die Infrastruktur erweitern und hoffen, dass die Gäste dann kommen. Wir brauchen zuerst die Nachfrage und handeln dann entsprechend. 


China lotet in seinen Ski-Gebieten bereits erste Möglichkeiten aus, um den Gästen auch im Sommer Freizeit-Möglichkeiten anzubieten. Ist dies ein Bereich, in dem die Chinesen ebenfalls von Cardrona lernen wollen?
Wir sind das ganze Jahr geöffnet und selbstverständlich ist dies auch ein interessantes Thema für China. Aber jede Wette, dass sie diese Dinge schneller lösen werden als wir. Wenn sie ein solches Projekt in Angriff nehmen wollen, dann überholen sie uns sehr schnell. Wir bauen auf Nachfrage, China baut im Voraus.

Florian Pertsch (Quelle: ISPO)
Ein Beitrag von Florian Pertsch, Autor
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