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 Headis-Erfinder René Wegner kritisiert Snowboard-Branche
Snowboard | 18.10.2016

Einstiger Trendsport Snowboarden schwächelt

Headis-Erfinder René Wegner: Kritik an der Snowboard-Branche

Headis-Erfinder René Wegner kritisiert Snowboard-Branche. Die Snowboard-Profis steigern sich von Winter zu Winter, doch dadurch werden nicht mehr Bretter verkauft. (Quelle: Scott Serfas / Red Bull Content Pool)
Die Snowboard-Profis steigern sich von Winter zu Winter, doch dadurch werden nicht mehr Bretter verkauft.
Bild: Scott Serfas / Red Bull Content Pool
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Magere Winter und sinkende Umsätze: Die Prognosen für die Action-Sports-Branche – und dabei speziell für das Segment Snowboarding – sind alles andere als rosig. Headis-Erfinder und Trendsport-Experte René Wegner analysiert bei ISPO.com, wie es wieder bergauf gehen könnte.

Die ehemals boomende Snowboard-Industrie hat hart zu kämpfen, selbst Sportartikel-Riesen wie Nike legen die Wintersport-Pläne vorerst auf Eis. Die Wege aus der Krise werden in der Branche heiß diskutiert, die ISPO MUNICH reagierte unlängst mit einem neuen Hallenkonzept für die Action-Sports-Unternehmen

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„Zu viel Innovation, Technik und Profisport“

Aber was können die Firmen selbst bewerkstelligen, um den Turnaround zu schaffen? Vielleicht von jungen, digital erfahrenen Trendsportarten lernen.

Headis-Erfinder und Ex-Snowboarder René Wegner analysiert im Gespräch mit ISPO.com die Lage der Snowboard-Industrie und erklärt anhand des Erfolgs von Headis, wie der Weg aus der Krise gelingen kann.

Rene Wegner ist Erfinder der Trendsportart Headis (Quelle: Imago)
Rene Wegner ist Erfinder der Trendsportart Headis
Bild: Imago

„Es ist unbestritten, dass sich die Snowboard-Industrie in der Vergangenheit gut vermarktet hat, aber die Branche hat den Bogen mit zu viel Innovation, Technik und Profisport überspannt“, sagt der 34-Jährige, der vor seinem Erfolg mit Headis ebenfalls als Fahrer im Snowboard-Zirkus unterwegs war.

Auch Snowboarder im Headis-Fieber 

„Beim Snowboarden funktionierte gerade am Anfang eine Aktivierung über Film-Premieren oder auch Werbebanner“, erinnert sich Wegner: „Als wir Headis erfunden haben, begann sofort die Verbreitung über Social Media.“


Grundsätzlich geht es für Wegner darum, die „potenziellen Werbepartner immer sehr stark in die zu erzählende Geschichte einzubinden und ihnen noch zusätzlich normale Werbepräsenz zu geben“.

Athleten müssen sich einbringen

Das Problem: Die Snowboard-Industrie ist während der Boom-Phase größer geworden, vielleicht zu groß, die Zahl der Unternehmen hat sich erhöht. Zudem stellt sich die Frage, wie die Firmen ihren Absatz über den Winter hinaus verlängern und die Kundenbindung das ganze Jahr über aktivieren können. Zum Beispiel über das Bekleidungs-Segment mit Profiathleten als Vorbilder und Trendsetter. 

Ganz wichtig ist die auch Vermarktung der Sportler, bei der es Defizite gibt. Geht es nach Wegner, müssten sich die Athleten deutlich mehr einbringen, um die Bindung zum Kunden zusätzlich zu stärken.

„Das gehört definitiv zum Job“, stellt Wegner fest: „Klar gibt es Ausnahme-Athleten wie Snowboard-Legende J.P. Walker, der zum Beispiel in Videos ganz natürlich auftritt und immer die Kleidung seiner Sponsoren trägt, aber das passiert noch zu selten.“


Headis wird zum Social Trend

Es geht um Nähe und Bindung – und das versuchen Wegner und sein Headis-Team in der Kommunikation mit ihren Konsumenten zu erreichen. Spieler und Fans sollen sich gleichermaßen mit dem Produkt Headis, 2010 Finalist ISPO BRANDNEW, identifizieren.

Gerade über die sozialen Netzwerke gelingt Headis eine immense Verbreitung. Im ersten Halbjahr 2016 klickten mehr als 200 Millionen User auf die veröffentlichten Beiträge des Headis-Teams.

Und selbst wenn die Action-Sports-Unternehmen sich bemühen, neue Konsumenten auf die eigenen Produkte aufmerksam zu machen, misslingt der Versuch meist. Wegner bemängelt, dass „die vorhandenen und auch interessanten Geschichten der Branche an den neuen Zielgruppen vorbei kommuniziert werden“.

Headis sorgt auf der ISPO BEIJING für großes Aufsehen (Quelle: Marc Blasius)
Headis sorgt auf der ISPO BEIJING für großes Aufsehen
Bild: Marc Blasius

Identifikation mit Top-Athleten „lässt zu wünschen übrig“

Der klassische Erzählstil des „Höher, schneller, weiter“ ist für Wegner natürlich weiterhin eine Möglichkeit, an den Käufer heranzutreten, aber oftmals ist die sportliche Leistung für den Konsumenten nicht mehr erkennbar.

„Selbst, wenn die Action-Sportler bei ihren neuen Tricks die Grenzen immer weiter ausloten, der Unterschied ist nur noch für einen Bruchteil der Zielgruppe zu erkennen. Der letzte 180er wird dann schon gar nicht wahrgenommen und dementsprechend lässt die Identifikation mit den Top-Athleten zu wünschen übrig“, so Wegner, dessen Doktorarbeit die „Entwicklung von Trendsportarten“ als Thema hat.

Snowboard-Zielgruppe im Wandel

„Viele Menschen interessieren sich stattdessen auch dafür, was ein Fahrer abseits der irren Kunststücke so macht“, meint Wegner.

Die möglichen Wege zu einem Turnaround wären also gegeben, doch Wegner ist dennoch beunruhigt: Die Branche verharrt auf alten Marketing-Ansichten. Die Core-Zielgruppe – also echte Snowboard-Enthusiasten, die den Winter fast durchgehend auf der Piste verbringen – steht nach wie vor im Fokus, aber: Die gibt es nur noch selten.


„Viele Menschen fahren vielleicht noch ein, zweimal im Jahr zum Snowboarden, das Bedürfnis nach neuem Equipment ist also eher gering“, sagt Wegner: „Wenn es für die Firmen nicht mehr genug Konsumenten in der Core-Gruppe gibt, um das Geschäft rentabel zu halten, dann müssen sich die Unternehmen neuen Zielgruppen zuwenden.“

Doch zumindest für den Moment ist Wegner pessimistisch: „Die Bereitschaft der Snowboard-Firmen, sich diesen neuen Zielgruppen zu öffnen, ist meiner Meinung nach zu wenig vorhanden.“

Florian Pertsch (Quelle: ISPO)
Ein Beitrag von Florian Pertsch, Autor
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