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 Schwächelnder Outdoor-Markt: Stefan Glowacz warnt
Outdoor | 13.07.2016

Bilanz der European Outdoor Group

Stefan Glowacz sorgt sich um Outdoor-Markt: „Zu viele Trittbrettfahrer“

Schwächelnder Outdoor-Markt: Stefan Glowacz warnt. Seine letzte Expedition führte Stefan Glowacz (r.) mit Robert Jasper auf Baffin Island zum Extrem-Klettern. (Quelle: Stefan Glowacz)
Seine letzte Expedition führte Stefan Glowacz (r.) mit Robert Jasper auf Baffin Island zum Extrem-Klettern.
Bild: Stefan Glowacz
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Steuert der Outdoor-Markt auf eine Krise zu? Stagnation hat die Branche im abgelaufenen Geschäftsjahr geprägt. Das Wachstum in der Branche ist geschrumpft, auf nur noch 2,1 Prozent im Schnitt, wie die European Outdoor Group in ihrem Marktbericht bemerkt. Die Kleinen, die Einzelhändler, machen sich Sorgen, und die großen Ausrüsterfirmen müssen sich fragen lassen: Machen zu viele zu viel?

Bei Yannick Morat, Präsident der Frasteya Retail Group, war das Fußballfieber noch zu spüren, trotz der Niederlage seiner Landsleute im EM-Finale gegen Portugal, als er den Bericht der European Outdoor Group präsentierte. „Wie der Sport die Menschen zusammenbringt, wie er begeistert“, davon schwärmt der Franzose und erkennt: „Jeder hat mal Fußball gespielt, das verbindet.“

Und genau dieses Erlebnis müsse man auf die Outdoor-Branche übertragen schlussfolgert Morat: „Wir brauchen wieder diese Begeisterung. Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Kinder wieder draußen sind, sich bewegen, klettern, wandern, das Outdoor-Erlebnis attraktiver wird. Dann bekommen wir wieder die Wahrnehmung, die wir brauchen.“


Outdoor-Branche wächst nur noch verhalten

Nach Jahren des Wachstums, bis in zweistellige Plus-Zahlen hinein, muss die Branche nun mit Stagnation umgehen. „Dem Markt geht es okay“, das war noch die positivste Aussage, die von EOG-Präsident John Jansen (hier ein Interview mit John Jansen) zu hören war, als er am ersten Tag der „Outdoor Friedrichshafen“ seinen Branchenreport vorstellte. „Wir haben nicht mehr die guten Zahlen der früheren Jahre, aber es gibt Wachstum.“

2,1 Prozent Wert-Wachstum im europäischen Durchschnitt weist die EOG aus, dies allerdings auch nur, weil sie Russlands dort herausgerechnet haben. „Es gibt einen negativen Einfluss durch den russischen Markt“, sagt Jansen. Konkret: Mit den russischen Zahlen reduziert sich das Wachstum auf 1,7 Prozent.

Die Handelszahlen der European Outdoor Group 2015:

  • 5,33 Milliarden Euro Umsatz.
  • Die wichtigsten Ländermärkte, Frankreich (2,5 Prozent Wachstum) und Deutschland (2,2 %) weisen ein leicht überdurchschnittliches Wachstum aus, der ebenfalls wichtige Markt Großbritannien liegt mit einem Plus von 1,8 Prozent unter dem Schnitt.
  • 46 Prozent des Umsatzes wurde im ersten Halbjahr getätigt, 54 Prozent mit Herbst- und Winterkollektion.
  • Bekleidung mit 2,7 Milliarden und Footwear mit 1,5 Milliarden sind die umsatzstärksten Segmente, stagnieren aber deutlich, bei Bekleidung beträgt das Wachstum nur 1,2 Prozent. Zum Vergleich: Im Bereich der Rucksäcke, dem am stärksten gewachsenen Bereich, gibt es ein Plus von 3,5 Prozent.

Outdoor-Stagnation: Ist nur der milde Winter schuld? 

John Jansen spricht von einer Herausforderung, von einem „schwierigen Markt“, und bei der Ursachenforschung habe natürlich das Wetter, der zum zweiten Mal hintereinander viel zu lange viel zu milde Winter eine Rolle gespielt. „Der Markt ist stark, er hat viel Widerstandskraft bewiesen“, meint Frasteya-Präsident Yannick Morat.

„Der Winter kam so spät, erst im Februar und März fand der Abverkauf wirklich statt“, sagt auch EOG-Generalsekretär Mark Held, der bei der Marktstudie aber auch positive Aspekte gefunden hat: „Wir haben ein optimistisches Feedback für 2016 bekommen, 80 Prozent unserer Mitglieder sehen eine positive Entwicklung in 2016.“

Die EOG hat Daten eingeholt von 111 Brands aus über 20 europäischen Ländern und sie nach ihren Erfahrungen in den ersten beiden Quartalen um eine Prognose für 2016 gebeten.

Wohin geht es im Outdoor-Bereich? EOG-Präsident John Jansen, Frasteya-Präsident Yannick Morat, Extremkletterer Stefan Glowacz diskutieren den EOG-Bericht.  (Quelle: Gunnar Jans)
Wohin geht es im Outdoor-Bereich? EOG-Präsident John Jansen, Frasteya-Präsident Yannick Morat, Extremkletterer Stefan Glowacz diskutieren den EOG-Bericht.
Bild: Gunnar Jans

Outdoor-Ausblick: Die Erwartungen der EOG für 2016

  • 48 Prozent der Unternehmen rechnen mit einem Wachstum von über 5 Prozent.
  • Weitere 33 Prozent erwarten ein Wachstum von  0 bis 5 Prozent.
  • 5 Prozent rechnen mit einem Null-Wachstum.
  • 16 Prozent befürchten, dass der Umsatz zurückgehen werde.
  • Dass der Umsatz um mehr als 5 Prozent zurückgeht, erwarten lediglich drei von 100 EOG-Mitgliedern.
  • Bei den Retailern rechnen 65 Prozent mit einem Wachstum, 10 Prozent mit Stagnation und immerhin jeder Vierte fürchtet Einbußen im Umsatz.

Soweit, so erwartbar. Die Branche ist vorsichtig geworden, die Goldgräberzeiten sind vorbei, aber sie ist wieder verhalten optimistisch. Dass die Konsolidierung allerdings nicht nur mit Wetter- oder Gesamtwirtschaftsfaktoren zusammenhängt, machte Alpinist Stefan Glowacz bei der Vorstellung der EOG-Marktstudie sehr deutlich.

Stefan Glowacz: „Trittbrettfahrer! Zu viele ähnliche Produkte“

Der  Extrem-Kletterer ist ja auch CEO von Red Chili und somit eines vergleichsweise kleinen, aber überaus innovativen Outdoor-Unternehmens. „Es gibt zu wenige wirklich innovative Unternehmen“, sagt Stefan Glowacz, „und stattdessen zu viele Trittbrettfahrer, die auf jeden Trend draufspringen. Wir haben viel zu viele ähnliche Produkte. Inzwischen sieht alles mehr oder weniger gleich aus. Es gibt zu viele Marken, die von einem Trend zum nächsten springen. Dabei geht ihre DNA und ihre Kernkompetenz verloren.“

Kann sich die Outdoor-Branche neu erfinden? Auf jeden Fall sollte sie sich wieder mehr spezialisieren, sagt Stefan Glowacz. (Quelle: Red Chili)
Kann sich die Outdoor-Branche neu erfinden? Auf jeden Fall sollte sie sich wieder mehr spezialisieren, sagt Stefan Glowacz.
Bild: Red Chili

Stefan Glowacz bringt Beispiele aus dem Bereich, in dem er zu Hause ist: „Viele Bekleidungsformen machen jetzt auch was im Klettern, weil das gerade in ist. Sie haben aber gar keine Kompetenz im Klettern, sie kennen sich dort nicht aus. Das merkt der Verbraucher. Und das schadet dann der gesamten Branche.“

Glowacz zitiert seinen überspitzten Unternehmens-Slogan: „Nur Kletterer wissen, was Kletterer brauchen.“

Lesen Sie auch: Kletter-Star Stefan Glowacz im Interview über sein Unternehmen, die Kletter- und Outdoor-Szene.

Outdoor wird zu Lifestyle

Die Großen im Spiel der Outdoor-Branche sehen das anders. Ein schwieriger Spagat sei das, gibt auch John Jansen zu. Der EOG-Präsident ist Head of Keen, deren DNA, wenn man so will, die Sandale war. Damit hat Keen begonnen, damit wurden sie groß, inzwischen aber produziert der Hersteller unter dem Slogan „Schuhe für alle Abenteuer“ vor allem auch Berg- und Wanderschuhe.

Man habe sich von der reinen Outdoor-Marke „zu Lifestyle-Produkten hin bewegt“, sagt Jansen und sagt über die Kundschaft: „Viele wollen schön und sportlich zugleich aussehen und so als ob sie auf einen Berg gingen – dabei gehen sie höchstens dreimal im Jahr.“ 

Unterwegs in der arktischen Wildnis: Extrem-Kletterer Glowacz auf Expedition


Passen Outdoor und Pokémon Go zusammen?

Modern Outdoor oder auch Lifestyle Outdoor sind die Trends der Zeit. Der Franzose Yannik Morat denkt noch weiter. Er ist wieder bei den Kids: „Outdoor muss attraktiver werden und zeitgemäßer rüberkommen.“

Mit der Forderung, mal das Handy abzuschalten und sich lieber draußen zu bewegen könne man heute keinem mehr kommen. „Wir brauchen die Verbindung Smartphone und Outdoor.“

Er erwähnt Pokémon Go als Trend sowie Beispiel und fordert, die Branche müsse neue digitale Erlebnisformen entwickeln: Punktewertungen beim Klettern, Selfies bei den Outdoor-Attraktionen in spielerischer Form. „Die Kids von heute erwarten eine komplett neue Outdoor-Welt.“

Auch John Jansen, der EOG-Präsident, wirkt nachdenklich: „Wir brauchen neue Ideen. Nicht nur eine weitere Story, die schon jeder hat. Nischen machen Sinn.“ Gerade in einer stagnierenden Outdoor-Welt.

Gunnar Jans ist Chefredakteur von ISPO.COM (Quelle: www.goettlicherfotografieren.de)
Ein Beitrag von Gunnar Jans, Chefredakteur
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