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 Sport-Tourismus in China: Kunden müssen Outdoor erst lernen
China | 07.07.2016

Interview mit Huwans-China-CEO David Cheng

Sport-Tourismus in China: „Kunden müssen Outdoor erst lernen“

Sport-Tourismus in China: Kunden müssen Outdoor erst lernen. Sport-Touristen aus China ist „nicht klar, was zum Beispiel zwei Stunden Trekking bedeuten“, meint Insider Cheng. (Quelle: Imago)
Sport-Touristen aus China ist „nicht klar, was zum Beispiel zwei Stunden Trekking bedeuten“, meint Insider Cheng.
Bild: Imago
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China bewegt sich weg vom Massentourismus und hin zu individuellen Erlebnis-Reisen. Die ISPO SHANGHAI widmet dem neuen Trend Sport-Tourismus auf der Multisegment-Sportmesse ein eigenes Forum und informiert die Messebesucher im angeschlossenen „Sports Tourism Village“.

David Cheng, China-CEO von Huwans, ist ein Experte auf dem Gebiet des Sport-Tourismus und ist verantwortlich für das China-Geschäft des französischen Unternehmens, das seit 30 Jahren in diesem Segment tätig ist. Mit ISPO.COM sprach Cheng über die Ausbildung eines Outdoor-Bewusstseins in China und was Sport-Tourismus wirklich ausmacht.


ISPO.COM: Herr Cheng, worauf liegt der Fokus von Huwans in China: Wollen Sie Touristen aus dem Ausland nach China bringen, oder Chinesen das Reisen ins Ausland ermöglichen?
David Cheng: Wir sehen beide Varianten als unsere Mission an. Aktuell verkaufen wir ungefähr 80 Prozent unserer Reisen an Chinesen, die ins Ausland reisen und lediglich 20 Prozent an Ausländer, die nach China kommen.

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Und wie sieht es mit Reisen für Chinesen im eigenen Land aus?
Das ist momentan nur ein sehr geringer Anteil, da die Infrastruktur in China noch nicht so entwickelt ist. Huwans hat sich in den letzten 30 Jahren ein großes Know-How mit ausländischen Kontakten erarbeitet. In China muss das Netzwerk erst noch entsprechend ausgebaut werden. Außerdem ist das Ausland, auch wenn es vielleicht etwas teurer ist, das attraktivere Reiseziel. Durch den Wirtschaftsboom der letzten Jahre können sich Chinesen Auslandsreisen ohne Probleme leisten.

Wie sehen solche Auslandsreisen dann aus? Welche Bedürfnisse haben chinesische Sport-Touristen?
Unsere Kunden wollen nicht den klassischen Tourismus, keine Gruppen mit 40 Personen. Kein gewöhnliches Sightseeing, bei dem man mit dem Bus von Punkt A nach Punkt B chauffiert wird. Pro Trip bieten wir maximal 15 Plätze an, wobei wir ab zehn Personen immer einen zweiten Guide entsenden. Zusätzlich ist immer ein Simultanübersetzer dabei, da viele Chinesen noch nicht so gut Englisch sprechen.

Sport-Touristen aus China: Essen spielt größere Rolle

Wie unterscheiden sich die Sport-Touristen in China von ihren westlichen Kollegen?
Europäer, die nach China kommen, wissen, was sie bei einer Outdoor-Reise wollen. Sie sind sozusagen sehr erwachsene Touristen. Unsere chinesischen Kunden müssen Outdoor erst lernen. Ihnen ist oft gar nicht klar, was zum Beispiel zwei Stunden Trekking bedeuten. Wir müssen dann erklären, dass damit tatsächlich zwei Stunden Trekking gemeint sind – und das nicht inklusive Fotos machen und Pausen geplant ist. Hinzu kommt, dass Faktoren wie Unterbringung und Essen eine noch viel größere Rolle spielen als bei westlichen Touristen.

Huwans will Chinesen „zu Outdoor-Touristen erziehen“ 

Ist es schwer, diesen Lernprozess bei den chinesischen Touristen einzuleiten?
Es ist schon anspruchsvoll, denn im Gegensatz zu Europa, wo die Outdoor-Erfahrungen von den Eltern an die Kinder weitergeben werden, fehlt dieser Wissenstransfer in China gänzlich. Die Generation meiner Eltern wuchs während der Kulturrevolution auf, ihre Sorge war es, nicht zu verhungern. Die Generation der 30- bis 40-Jährigen ist also die erste, die zu einer Outdoor-Generation werden kann. Damit dies gelingt, gibt es Huwans. Wir wollen die Chinesen zu Outdoor-Touristen erziehen.


Welche Reise-Destination steht bei Chinesen ganz oben auf der Wunschliste?
Ich würde es zunächst nicht nach Orten aufteilen, sondern nach Produkten. Wie haben unsere Reisen in sieben Segmente unterteilt: Discovery, Trekking, Skiing, Cycling, Family, Diving und Mountaineering. Am gefragtesten ist aktuell das Discovery-Segment, das zwar Outdoor-Elemente besitzt, aber bei weitem nicht so körperlich anstrengend wie das Trekking-Paket ist. Es ist sozusagen das Einsteiger-Programm.

Visa-Bestimmungen prägen Reiseziele

Und welche Länder sind besonders beliebt bei chinesischen Adventure Travellern?
Ähnlich zur Wahl der Pakete tasten sich unsere Kunden langsam vor. Viele wählen zuerst ein asiatisches Ziel wie zum Beispiel Nepal. Wenn wir von Europa sprechen, liegt Frankreich ganz vorne, dicht dahinter kommen die Schweiz und Italien. Afrika entwickelt sich immer mehr zum Wachstumsmarkt, hier speziell Tansania und Marokko. Ein nicht zu unterschätzender Faktor ist die Verfügbarkeit von Flügen und die Visa-Bestimmung der Reiseländer.


Welche Orte würden Sie ausländischen Touristen in China empfehlen?
Tibet ist natürlich ideal für Outdoor-Fans, aber grundsätzlich würde ich sagen, ist der Nord- und der Südwesten Chinas sehr sehenswert.

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Chinesische Regierung macht es ausländischen Firmen nicht leicht

Wie schwer war es, als ausländisches Unternehmen in China Fuß zu fassen?
Den chinesischen Markt zu erschließen, ist in der Tat kein leichtes Unterfangen. Das ergibt sich allein schon daraus, dass man als Tourismus-Unternehmen mit Direktvertrieb eine Lizenz benötigt. Die gibt es für ausländische Firmen aber nicht. Darum konzentrieren wir uns auf den B2B-Sektor und arbeiten mit großen Outdoor-Resorts, Guides und Reiseagenturen zusammen. Sie haben die Produkte, wir die Kunden – so bündeln wir unsere Stärken.

Werden Sie bei Ihrem Geschäft von der Regierung unterstützt?
Bei Reisen von Chinesen innerhalb des Landes ja, weil wir damit helfen, den Tourismus in China zu entwickeln. Bei allen anderen Aktivitäten nicht, da die chinesische Regierung natürlich die einheimischen Firmen stärken möchte.

Außergewöhnliche Unterbringungen

War es ein komplizierter Prozess, chinesischen Travellern die Verbindung Reisen und Sport näher zu bringen?
Um ehrlich zu sein, würde ich es viel schwerer finden, dem Kunden den Standard-Tourismus zu verkaufen. Denn durch den Sport heben wir uns von der Masse ab. Die wirkliche Herausforderung bei unserem Produkt ist die sinnvolle Verbindung der Elemente Reisen, Abenteuer und Sport. Für Huwans bedeutet das zum Beispiel im Outdoor-Bereich, dass wir uns – soweit möglich – ohne Fahrzeuge fortbewegen. Damit wird bereits die Anreise zum geplanten Zielort zum Abenteuer. Auch die Unterbringung soll einzigartig sein, also versuchen wir vor Ort, spezielle Unterkünfte bei Familien, in einer Burg oder einem Kloster zu organisieren. Das sind die Reiseerfahrungen, die nachhaltige Erinnerungen wecken.

Wo sehen Sie den Sport-Tourismus-Markt in fünf Jahren?
Da der Markt noch sehr jung ist, werden die Wettbewerber, die jetzt schon einen Namen haben, einen gewissen Vorsprung haben. Für Huwans geht es darum, die Marke zu einem vertrauenswürdigen Partner für alle Sport-Touristen zu entwickeln. Nur so können wir uns langfristig auf dem chinesischen Markt etablieren.

Florian Pertsch (Quelle: ISPO)
Ein Beitrag von Florian Pertsch, Autor
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