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 Fußballprofi in China: „Das Angebot muss unmoralisch sein“
China | 11.03.2016

Spielerberater über den Fußballmarkt in China

„Das Angebot muss unmoralisch sein“

Fußballprofi in China: „Das Angebot muss unmoralisch sein“. Fußball in China-Optik (Quelle: JTKPHOTOz/iStock/Thinkstock)
In China wurden zuletzt 330 Millionen Euro in Spieler investiert
Bild: JTKPHOTOz/iStock/Thinkstock
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Stars ziehen in Scharen Richtung China, um dort das große Geld zu verdienen. Im Gespräch mit ISPO.com erklärt Spielerberater Jörg Neblung, wie es zur Fußball-Expansion Chinas kam und was die Entwicklung für deutsche Spieler und den hiesigen Spielermarkt bedeutet.

Die Chinese Super League hat über 330 Millionen Euro in neue Spieler investiert – der Markt ist damit in Bewegung geraten, nicht nur die englische Premier League lockt mit absurden Ablösesummen und Wahnsinns-Gehältern für durchschnittliche Spieler und sorgt so für eine Schieflage in Ligen, die diese Summen nicht aufrufen können. 

ISPO.com: Wie kam es, dass China ein so wichtiger Fußball-Markt geworden ist?
Jörg Neblung (Inhaber der Agentur Neblung Sportsnetwork): „Die Entwicklung war nur eine Frage der Zeit. Und diese Transfers sind erst der Anfang. Wir haben gesehen, dass die Scheichs diversifizieren, um von ihrem Kern-Geschäft Öl wegzukommen. In China sind es dieselben Motivationsgründe. Wenn irgendwann alle Weine und Kunstwerke weggekauft sind und die Aktien nicht mehr so viel Potential bieten, dann entdecken die reichen Chinesen auch den Fußball für sich als Spiel- und Wirtschaftsplattform. Fußball verbindet die Welt und öffnet Märkte. Zudem ist China ein Riesen-Markt mit einer Milliarde potentieller Fans.

Die neuen Stars der Chinese Super League


Wo aber bleibt das Gerüst, die Basis im chinesischen Fußball?
Auch bei der Jugendarbeit wird Aufbau betreiben: Trainingszentren werden gebaut und ausländische Ausbilder geholt. Noch gibt es aber noch keine funktionierende Jugendliga. Bis Chinas Nationalmannschaft international eine wichtige Rolle spielt, werden bestimmt noch 20 Jahre vergehen. Der erste Schritt ist jetzt aber erst mal, die chinesische Liga mithilfe prominenter Neuzugänge als Zuschauermagnet zu etablieren.

„Man kann seine Familie absichern“

Würden Sie als Spielerberater einem deutschen Spieler den Wechsel nach China empfehlen?
Ob ein Wechsel dorthin für einen deutschen Spieler Sinn macht, ist eine Frage der Persönlichkeit. Komme ich mit den Widrigkeiten in einer fernen Welt zurecht? Kann ich mich als Typ damit arrangieren? Klappt das mit der Familie? Es gibt Umstände, mit denen man leben können muss, sei es Luftverschmutzung oder sprachliche Barrieren. Wenn jemand mit solchen Umständen umgehen kann und die Familie das mitträgt – warum nicht?

Jörg Neblung (Quelle: Karl Kramer)
Jörg Neblung ist Spielerberater sowie Inhaber und Geschäftsführer der Agentur neblung sportsnetwork. Zu seinen Klienten gehören Fußballer wie Timo Hildebrand. Neblung war auch Berater und Freund des verstorbenen Robert Enke.
Bild: Karl Kramer

Vielleicht weil eine Rückkehr schwierig wird?
Das Angebot aus China muss unmoralisch sein, die Solvenz muss gesichert sein. Wenn ein Spieler durch dieses Engagement ausgesorgt hat, dann kann man ihm das nicht verdenken, wenn er diese Sicherheitsvariante nimmt. Man muss sich in diese Situation hineinversetzen: Nehme ich einen Rentenvertrag an, der mir und meiner Familie ein Auskommen bis ans Ende meiner Tage sichert? Trotzdem muss sich jeder bewusst sein: Wenn ich mich nach China verabschiede, ist der Weg zurück in den Top-Fußball ausgeschlossen.

Ist das eine für den deutschen Fußball schlechte Entwicklung?
Wenn die chinesischen Vereine vermehrt Spieler aus der Bundesliga kaufen, ist das auch gut für den deutschen Fußball. Die Transfererlöse kommen den Ausbildungseinrichtungen und den kleineren Vereinen zugute, da die Erlöse weiter investiert werden. Das Geld, das oben reingefüllt wird, sickert pyramidenartig nach unten in den deutschen Fußball. Dadurch kann die Ausbildung der deutschen Talente noch mehr in den Fokus gerückt werden.

Lesen Sie hier das zweite Interview mit Spielerbereater Gregor Reiter (Geschäftsführer der Deutschen Fußballspieler-Vermittler Vereinigung DFVV).


Lesen Sie hier über die wirtschaftlichen Hintergründe der chinesischen Fußballexpansion und den Versuch, Fußball im Reich der Mitte neu aufzubauen.

Lesen Sie hier, welche Spieler in dieser Transferperiode nach China gewechselt sind und warum viele im Fernen Osten nicht glücklich wurden.

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Jasper Ruppert (Quelle: ISPO)
Ein Beitrag von Jasper Ruppert, Autor
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