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 Big Business beim Fußballzwerg
China | 11.03.2016

Fußball in China

Big Business beim Fußballzwerg

Big Business beim Fußballzwerg. Das Stadion von Serienmeister Guangshou Evergrande. (Quelle: wonry/iStock/Thinkstock)
Das Stadion von Serienmeister Guangshou Evergrande.
Bild: wonry/iStock/Thinkstock
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Chinas Fußball ist im Kaufrausch. Über 330 Millionen Euro investierte die Chinese Super League in neue Spieler. Dabei spielen wirtschaftliche und politische Gründe eine Rolle – und die Erfüllung eines großen Wunsches der Staatsführung.

Chinesen lieben Fußball, aber sie hassen ihre Nationalmannschaft. Ihre Liga war lange Zeit nur durch ihre Korruptionsskandale in den Schlagzeilen. Damit soll Schluss sein. Die Chinese Super League (CSL) will ein Zuschauermagnet werden.

Insgesamt über 330 Millionen Euro haben chinesische Vereine in dieser Transferperiode für neue Spieler ausgegeben. Das sind fast 90 Millionen Euro mehr als die sonst so shoppingfreudige Premier-League. Diese verfolgten die Chinesen bisher auch lieber als die heimische Liga, doch genau das soll sich mit den getätigten Investitionen in die CSL nun ändern.

Hinter Kap Verde

Warum der Unmut über die Nationalmannschaft? Die nahm nur einmal – 2002 – an einer WM teil und schied punkt- und torlos aus. In der Fifa-Weltrangliste steht China auf Platz 93 hinter Fußball-Zwergen wie Äquatorial-Guinea, Irak und Kap Verde. Zum Vergleich: China hat 1,4 Milliarden Einwohner, Kap Verde 500.000. Immerhin liegt das Reich der Mitte noch knapp vor den Färöer-Inseln.

Die neuen Stars der Chinese Super League


Mit dem Ausbau der Liga soll nun eine ganze Fußball-Revolution in China losgetreten werden. Lange Zeit galt die chinesische Liga als eine, in der alternde Stars ihren letzten großen Gehaltscheck abholen konnten. Jetzt kommen auch Spieler im besten Fußballeralter (Lesen Sie hier alles über die Spieler, die in die CSL gewechselt sind), weil Summen auf den Tisch gelegt werden, die bei manchen sportliche Ambitionen eher in den Hintergrund rücken lassen. Und dieses neue Gehalts-Niveau der CSL verdankt die Liga einigen Investoren.

Die Fußball-Investoren aus China

Schon seit längerem richtet sich die Aufmerksamkeit manch solventer Unternehmen auf den Fußball – bisher häufig in Europa: Die Wanda-Gruppe ist mit 20 Prozent bei Atletico Madrid eingestiegen, der Autobauer Rastar ist mehrheitlicher Eigentümer von Espanyol Barcelona. Der Medien-Milliardär Li Ruigang ist zusammen mit Partnern für 400 Millionen Euro bei Manchester City eingestiegen, das Energieunternehmen CEFC kaufte Slavia Prag gleich ganz.

Die Gönner der CSL sind ebenfalls große Unternehmen oder reiche Privatpersonen. Der Milliardär Jack Ma beispielsweise steckte Millionen in Serienmeister Guangzhou Evergrande. Dabei gab der Gründer der Online-Plattform Alibaba zu, gar nichts mit Fußball anfangen zu können.


Die Wanda-Gruppe ist inzwischen nicht nur an Atletico Madrid beteiligt, sondern auch Sponsor der CSL. Besitzer von Wanda ist Wiang Jianlin, der mit einem geschätzten Vermögen von 33 Milliarden Euro als reichster Mann Chinas gilt.

Viele Geldgeber und ein gigantischer TV-Deal

Krösus bei den Transferausgaben im Winter 2016 war Jiangsu Suning FC. Der Verein gehört der Suning Commerce Group, die tausende Elektro-Geschäfte in China betreibt. Deren Gründer Zhang Jindong sitzt in einem Beratungs-Ausschuss für die chinesische Regierung.

Und auch in der zweiten Liga wird kräftig investiert: Das Unternehmen Quanjian Natural Medicine stieg bei Tianjin Quanjian ein. Seitdem werfen auch die mit Millionen um sich. Zum Vergleich: Die 16 Vereine der zweiten chinesischen Liga gaben in dieser Transferperiode mehr aus als die 18 Klubs der Bundesliga.

Neben den Milliardären und ihren Unternehmen sorgt – ähnlich wie in der Premier League – auch ein TV-Deal für die nötigen finanziellen Mittel: Li Ruigang, Besitzer von China Media Capital, investierte 1,2 Milliarden Euro für die Übertragungsrechte in China für die nächsten fünf Jahre – eine astronomische Summe, wenn man bedenkt, dass die Liga die TV-Rechte für 2014 laut Forbes noch für etwas mehr als sieben Millionen Euro hergegeben hatte.

Warum der neue Kaufrausch?

„Diese Entwicklung war nur eine Frage der Zeit“, erklärt Spielerberater Jörg Neblung (Lesen Sie hier einen Beitrag von Jörg Neblung zum Thema). „Wenn irgendwann alle Weine und Kunstwerke weggekauft sind und die Aktien nicht mehr so viel Potential bieten, dann entdecken die reichen Chinesen auch den Fußball für sich als Spiel- und Wirtschaftsplattform“, sagt der Inhaber der Agentur Neblung Sportsnetwork.

Die größten Stadien der Chinese Super League


Wirtschaftliche Überlegungen spielen ganz klar eine Rolle. Die „Welt“ berichtete, dass die Aktienkurse der Firmen, die in die CSL investiert haben, im Schnitt um 158 Prozent gestiegen sein sollen – und das in den unsicheren Zeiten des chinesischen Aktienmarkts.

Die Ziele der Staatsführung

Es geht aber auch um Politik. Die Expansion ist von der Staatsführung gewollt. Wer sich mit den Oberen der KP gut stellen will, kann das in China mit Fußball-Investitionen gut machen. Staatspräsident Xi Jingping gilt als absoluter Fußballfan. Und drei Wünsche hat er: China soll sich wieder für eine Weltmeisterschaft qualifizieren, China soll eine Weltmeisterschaft ausrichten und China soll eine Weltmeisterschaft gewinnen.

Um auch die heimischen Spieler in Xis Sinne konkurrenzfähig zu machen, wurde 2014 ein Zehn-Jahres-Plan verabschiedet. Der sieht unter anderem vor, dass bis 2025 gut 50.000 Fußballschulen gebaut werden sollen. Fußball wird ein Pflichtfach an Schulen. Bisher sollen nur knapp 100.000 Kinder in Vereinen aktiv sein. Hier spielt auch die lange Zeit praktizierte Ein-Kind-Politik eine Rolle: Viele Eltern sehen den einzigen Nachwuchs lieber hinter Büchern als auf dem Fußballfeld. Und wenn die Kinder eine Fußballausbildung bekommen, ist diese oft rückständig.

Chinesische Kinder beim Fußballspielen (Quelle: wind-moon/iStock/Thinkstock)
Nur 100.000 Kinder sollen bisher in Fußball-Vereinen aktiv sein.
Bild: wind-moon/iStock/Thinkstock


Deswegen wechseln nicht nur Spieler ins Reich der Mitte, auch zahlreiche Fußballlehrer werden inzwischen angeworben. Der ehemalige Hoffenheim-Trainer Marco Pezzaiuoli ist beispielsweise Sportdirektor bei Guangzhou Evergrande. Das Vereinsgelände beschreibt er im Interview mit „Spox“ als „eigene Fußballstadt“: Über 50 Fußballplätze, mehrere Gymnastik- und Fitnesshallen – das alles für über 3.000 Kinder.

Bis der Aufbau der Infrastruktur den gewünschten Erfolg hat, wird es noch ein paar Jahre dauern. In der CSL will man aber schon bald das – international gesehen – zweitklassige Niveau überwinden und zu einer ernstzunehmenden Liga werden. Mit der Transferoffensive in diesem Winter wird die Kauffreude nicht beendet sein. „Da geht die Spirale ganz eindeutig nach oben, das ist erst der Anfang“, sagt Spielerberater Neblung.  

Lesen Sie hier, welche Spieler in dieser Transferperiode nach China gewechselt sind und warum viele im Fernen Osten nicht glücklich wurden.

Lesen Sie hier, wie zwei Spielerberater die Entwicklung beurteilen und die Konsequenzen für den Spielermarkt.

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Jasper Ruppert (Quelle: ISPO)
Ein Beitrag von Jasper Ruppert, Autor
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