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 „Der Druck, dass sich etwas ändert in China, wird größer“
China | 16.02.2016

Interview zur ISPO BEIJING

„Der Druck, dass sich in China etwas ändert, wird größer“

„Der Druck, dass sich etwas ändert in China, wird größer“. Tobias Gröber ist Director der ISPO Group. (Quelle: ISPO)
Tobias Gröber ist Director der ISPO Group.
Bild: ISPO
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Tobias Gröber, Director der ISPO Group, spricht im Interview mit ISPO.com über den turbulenten Aktienmarkt in China, die Sportbegeisterung der Chinesen und die Veränderungen im Outdoor- und Skimarkt.

ISPO.com: Herr Gröber, in den vergangenen Monaten erlebte der Aktienmarkt in China eine sehr turbulente Phase – die Kurse brachen ein, der Handel wurde zeitweise sogar ausgesetzt (hier lesen Sie mehr zum Thema). Mit der ISPO BEIJING vor der Tür: Müssen sich europäische und amerikanische Händler und Produzenten um den Boom-Markt China Sorgen machen?
Tobias Gröber: Gut möglich, dass die allgemeine Berichterstattung einigen Menschen Sorgen macht. Steigen wir aber tiefer und differenzierter in die Materie ein, sehen wir eine Entwicklung Chinas von der verlängerten Werkbank hin zu einem sehr konsumgetriebenen Markt. In diesem Zusammenhang wird ganz oft von „The New Normal“ gesprochen. China befindet sich in der Transformation von einem Zweite- oder Dritte-Welt-Land in ein Erste-Welt-Land. Gerade im Konsumgüterbereich Sport hat es lange gedauert, bis sich sportliche Aktivität und vor allem der Sinn dahinter dem chinesischen Konsumenten erschlossen hat.


Bei einer Sportnation wie China, die extrem viel Wert auf sportlichen Erfolg legt, ist das eine verblüffende Konstellation...
Sagen wir so: Es gibt China – und es gibt China. Das Land ist immer noch kommunistisch, und solche Staaten definieren sich traditionell über Sportler und sportliche Leistung. Die große Veränderung ist jetzt aber, dass der Sport nicht von der Regierung verordnet wird. Die Motivation zum Sport ist intrinsisch, aus den Menschen selbst heraus. Das ist natürlich deutlich nachhaltiger, als jemanden zum Turnen zu bewegen, nur weil er die perfekten Körpermaße dafür hat.

„Themen wie Umweltschutz und Nachhaltigkeit rücken in den Vordergrund“

In welchen Bereichen erwarten Sie in Zukunft das größte Wachstum?
Wenn wir uns die chinesische Gesellschaft und ihre Entwicklung ansehen, dann gibt es in den nächsten fünf bis zehn Jahren drei klare Trends. Das Thema Gesundheit und Fitness, das auch von der Regierung große Aufmerksamkeit bekommt, wird sehr wichtig. Chinesen haben inzwischen Freizeit, sie wollen sie aktiv gestalten, und sie wollen gesund sein. Dadurch rücken auch Themen wie Umweltschutz und Nachhaltigkeit in den Vordergrund, was ja lange nicht so sehr der Fall war. Jeder kennt die Bilder aus Peking von Menschen mit Atemschutzmasken. Der Druck, dass sich etwas ändert in China, wird größer. Daneben wird der Wintersport – auch dank der olympischen Winterspiele 2022 – eine immer größere Rolle spielen. Und als drittes großes Wachstumsfeld sehe ich Running, mit seinen Ausprägungen Straßenlauf und Trailrunning.

Worin unterscheidet sich der chinesische Läufer vom westlichen? Gibt es ein anderes Konsumverhalten?
Chinesen sind ein geselliges Volk und laufen sehr gern in Laufgruppen. Zudem ist Sport in der Freizeit immer noch ein Statussymbol und wird häufig von Geschäftsleuten genutzt, um Networking zu betreiben. Was den Qualitätsanspruch angeht, sind chinesische Läufer mindestens auf dem Niveau der westlichen Läufer. Und: Wearables werden in China ein Riesenthema.

Olympiabewerbung trifft auf Lauf-Boom: Running wird in China immer beliebter  (Quelle: Imago)
Olympiabewerbung trifft auf Lauf-Boom: Running wird in China immer beliebter
Bild: Imago

„Laufen wird zur Massenbewegung“

Wird in China anders trainiert? Sie haben die schlechten Luftbedingungen ja bereits selbst erwähnt.
Da habe ich vor einigen Jahren eine sehr interessante Erfahrung gemacht. Während der ISPO BEIJING habe ich bei einem Frühstückslauf mitgemacht, dabei gab es selbst von der Regierung eine Warnung bezüglich der Luftverschmutzung. Von einer sportlichen Betätigung im Freien wurde abgeraten. Ich habe es trotzdem gemacht und erstaunlicherweise nichts gemerkt. Auf Dauer ist das natürlich nicht gesund und nicht zur Nachahmung empfohlen. Eine Sache hat mich aber doch beeindruckt: wie viele Menschen ich beim Laufen gesehen habe. Sogar ältere Menschen, die mit selbstgeschnitzten Stöcken Nordic Walking gemacht haben, waren im Park unterwegs. Mit Straßenschuhen, ohne Funktionsbekleidung. Die Städteplaner denken mittlerweile an Parks, die Zahl der Marathon-Events steigt rapide. Laufen wird zur Massenbewegung. Und wenn die Luft schlecht ist, dann gehen die Menschen eben ins Fitnessstudio (Lesen Sie hier mehr zu Fitness-Trends in China).

Das Outdoor-Segment ist in Ländern wie Japan und Südkorea eines der Zugpferde. Wie verhält es sich auf dem chinesischen Markt?
In China laufen alle Prozesse immer etwas schneller ab als bei uns. So war es auch beim Outdoor-Markt. Das Wachstum in den letzten Jahren war extrem, inzwischen konsolidiert sich der Markt aber. Der Abverkauf lief zum Teil sehr unstrukturiert, das Personal war fachlich nicht optimal ausgebildet. Es gibt also noch einige Dinge zu verbessern. Trotzdem muss man sagen: Was die Marktsättigung betrifft, haben die Chinesen in zehn Jahren geschafft, wofür Europa 25 Jahre gebraucht hat. Aktuell reduziert sich die Anzahl der Marken etwas, die Branche durchläuft einen Prozess der Selbstbereinigung. Aber der Markt wird definitiv bleiben.


Was können die Händler und Produzenten unternehmen, um den Markt wieder etwas zu beleben?
Momentan existiert der Markt in China eigentlich nur im Osten des Landes, also den Großstädten an der Küste. Jetzt geht es für die Produzenten und Händler darum, den Westen mit den Second-Tier- und Third-Tier-Cities zu erschließen. Die Diskrepanz zwischen Megacities wie Shanghai und dem chinesischen Hinterland ist immer noch groß.

Wie kann das konkret geschehen?
In China gibt es ein Sprichwort: Mit jedem Kilometer, den man sich von der Küste entfernt, reist man ein Jahr in der Zeit zurück. Gleichzeitig ist das Land geografisch sehr vielfältig. Es gibt Berge, Wüsten und tropische Zonen. Und China ist ein Vielvölkerstaat. All diese Faktoren müssen bedacht werden, um die Strategien individuell auszurichten. Was aber allen gemein sein muss, ist, dass der Konsument an das Thema Outdoor sukzessiv herangeführt werden muss.

„Die Regierung wird massiv in den Wintersport investieren“

Nach den Olympischen Sommerspielen 2008 bekam Beijing auch den Zuschlag für die Olympischen Spiele im Winter 2022. Wie wirkt sich das Megaevent jetzt schon auf den Markt aus?
Auch wenn es noch gut sechs Jahre dauert, bis die Winterspiele in Beijing ausgetragen werden, spüren wir den Boom auf der ISPO BEIJING mit unserer Partnermesse ALPITEC jetzt schon. Gerade die Themen Skigebietsentwicklung und Infrastruktur stehen jetzt im Fokus. Die Regierung wird dank Olympia massiv in den Wintersport investieren und ermöglicht so auch der Bevölkerung, Wintersport zu entdecken. Die Zahl der Ski-Hersteller auf der ISPO BEIJING ist deutlich gestiegen, und die ALPITEC hat ihre Ausstellungsfläche verdoppelt.

Vom Kandidaten zum Ausrichter: 2022 finden die olympischen Winterspiele in China statt (Quelle: Imago)
Vom Kandidaten zum Ausrichter: 2022 finden die olympischen Winterspiele in China statt
Bild: Imago

Wie muss man sich den Ski-Markt in China vorstellen, wie weit ist das Riesenreich?
Am Beispiel Beijing lässt es sich sehr gut erklären. Die Regierung baut einen Schnellzug, der die Wintersportler statt in vier Stunden in 30 bis 45 Minuten ins Skigebiet bringt. Der Zugang wird erleichtert, und der Komfort der etwa 500 Skigebiete wird ausgebaut. Das ist kein Vergleich zu früher, als Wintersportler noch mit dem Eselkarren den Berg hochgefahren wurden. Jetzt gibt es Skihallen und Chinesen, die in Europa beim Skifahren waren, dazu Influencer wie Schauspieler und Profisportler, die den Sport für sich entdeckt haben. Und obendrein kompetente Ski- und Snowboardlehrer. Das gesamte Paket wird verbessert.

In Europa geht der Trend ja eher zu Leihausrüstung, die bequeme Anreise steht im Vordergrund. Wie sehen die Prognosen für China aus: Kaufen oder leihen?
Es zeichnet sich ab, dass der Verleih momentan das größere Wachstum hat. Verwunderlich ist das nicht, denn wenn ich noch nie eine Berührung mit dem Sport hatte, werde ich mir nicht sofort eine komplette Ausrüstung kaufen. Interessanterweise ist Snowboarden in China vor allem bei Kindern populärer als Skifahren, da es einfacher zu lernen ist.

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Florian Pertsch (Quelle: ISPO)
Ein Beitrag von Florian Pertsch, Autor
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