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 Zu steif zum Zubinden der Schuhe
Gesundheit | 28.11.2015

Gesundheit im Kindesalter

Zu steif zum Schuhebinden

Zu steif zum Zubinden der Schuhe. Eine Gruppe Kinder mit einem Football. (Quelle: Thinkstock über The Digitale)
Gutes Vorbild: Kinder und Jugendliche sollten wieder stärker sportlich aktiv sein.
Bild: Thinkstock über The Digitale
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Der deutsche Kinderkardiologe Stefan Renz sieht in der Praxis viele Jugendliche mit motorischen Defiziten: Virtuos im Umgang mit Joypad und Computermaus, aber zu steif zum Zubinden der Schuhe.

Renz kritisiert in unserem Interview, dass schon Kindergartenkinder körperlich nicht mehr genug gefordert werden. Das inaktive Leben aber mache die Jugend dick und krank. Besonders gefährdet sind Kinder aus bildungsfernen Schichten.

Was haben Sie in Ihrer Praxis beobachtet? Seit wann sind Kinder und Jugendliche körperlich weniger leistungsfähig?
Diese Entwicklung sehen wir bei den Vorsorgeuntersuchungen seit gut 15 Jahren. Viele Kinder und Jugendliche haben Probleme mit der Grobmotorik und Körperkoordination. Sie sind einfach unglaublich steif und schaffen es nicht, bei einer Rumpfbeuge mit den Fingerspitzen den Boden zu berühren, sie kommen oft gerade mal bis zu den Knien. Auch mit beiden Füßen schnell hin- und herzuhüpfen oder rückwärts zu balancieren klappt meist nicht. Bei den Sekundärfolgen des Bewegungsmangels, also bei Übergewicht und Bluthochdruck, verzeichnen wir ebenfalls dramatische Zunahmen.


Was sind das für Kinder?
Natürlich hat diese Entwicklung wie so oft eine soziale Komponente, daran krankt unsere Gesellschaft ja sowieso. Kinder aus bildungsfernen Haushalten sind überdurchschnittlich oft vertreten.

Welche Folgen hat der Bewegungsmangel?
Er begünstigt all das, was wir Mediziner als metabolisches Syndrom bezeichnen: Das gefährliche Zusammentreffen von Übergewicht mit nachfolgenden Gelenkschäden, Bluthochdruck sowie Störungen des Fett- und des Zuckerstoffwechsels.

”Acht- und Neunjährige mit massivstem Übergewicht”

Diagnostizieren Sie das bereits bei Kindern?
Ja, das stellen wir auch schon bei Kindern fest. Bei uns werden Acht- und Neunjährige mit massivstem Übergewicht vorgestellt. Ich sage immer lapidar, wenn einer in der siebten Klasse noch keine 100 Kilo wiegt, hat er Glück gehabt.

Wie sieht die Therapie aus?
Was wir da therapeutisch machen? Nun, zunächst versuchen wir, die Patienten schrittweise weg von den Medikamenten hin zu mehr Bewegung zu bringen. Wenn es in Anführungsstrichen nur um Übergewicht geht, unterstützen wir sie dabei, das Verhältnis von Energiezufuhr und –verbrauch wiederhinzukriegen.

Drei Mädchen spielen mit einem Ball. (Quelle: Thinkstock über The Digitale)
Sollten viel mehr Sport machen: Kinder- und Jugendliche.
Bild: Thinkstock über The Digitale

Es gibt da zwar diverse Programme, die – wenn es gut läuft – nur eine Wirksamkeit von 20, 25 Prozent haben. Mehr erreicht man damit nicht. In jedem Fall muss der Jugendliche selbst motiviert sein, etwas ändern zu wollen, weil er unter seinem Gewicht leidet. Wir verpulvern unheimlich viel Geld für Therapien, die losgelöst vom Alltag angesiedelt sind. Um etwas zu erreichen, müssen wir im sozialen Umfeld der Betroffenen ansetzen und hier Anreize bieten, etwas zu ändern. Das gilt in puncto Bewegung und gesunde Ernährung gleichermaßen.

Wie könnte das aussehen?
Ich glaube, dass heute schon in den Kindergärten falsche Prioritäten gesetzt werden. So nach dem Motto: Wir machen montags Naturwissenschaften, dienstags Projekt, mittwochs haben wir englisch und wenn irgendwie Zeit sein sollte, dann ziehen wir den Kleinen auch mal die Buddelhose an und gehen raus. Die Bewegung kommt überall im Alltag viel zu kurz. 

... und sinkt bis zum Einsetzen der Pubertät noch weiter ab.
Das kann ich so bestätigen. Es ist halt cooler ein tolles neues Handy zu haben, als irgendwo im Sportverein zu sein. Und abhängen und chillen ist angesagter, als durch den Park zu joggen.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Verhalten im Erwachsenenalter wieder ändert?
Dazu gibt es keine aussagekräftigen Untersuchungen. Man kann nur vermuten, dass untätige Jugendliche diesen Lebensstil auch als Erwachsene fortsetzen. Auf der anderen Seite müssen wir konstatieren, dass unsere Gesellschaft immer älter wird, obwohl wir den Eindruck haben, die Leute sind immer kränker. Aber die Medizin ist einfach immer besser.


Was sind die Ursachen für Bewegungsmangel?
Ganz klar der zunehmender Medienkonsum. Das ist zwar keine neue Erkenntnis, aber sie ist daher nicht weniger richtig. Man hat in der Regel durch alle Schichten hindurch noch relativ gut bewegliche Vierjährige, weil die einfach munter vor sich hintollen. Und die auch, wenn das Fernsehprogramm noch so interessant ist, nicht stundenlang davor hocken bleiben.

Aber ab fünf beginnt das Fernsehprogramm so prickelnd zu werden, dass die Kids lieber vor der Glotze hängen bleiben als rauszugehen. Da greift dann noch zusätzlich der kulturelle Background: Es gibt Leute, die sagen, bei weniger als 20,5 Grad Außentemperatur und einer Niederschlagswahrscheinlichkeit von mehr als 20 Prozent, gehen wir nicht raus.

Ist das nicht sehr extrem formuliert?
Auch die Erwachsenen bewegen sich viel zu wenig. Treppen werden doch nur noch im Notfall benutzt. Gestern stand bei uns im Ärztehaus eine Riesenschlange vorm Aufzug. Ich dachte, er sei kaputt. Von wegen kaputt, antwortete mir eine Frau. Aber wir gehen doch keine drei Stockwerke zu Fuß.

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